Interview: "Mit Twitter hole ich Experten in den Unterricht"

18.03.2014 | Wie sollen Lehrer mit sozialen Netzwerken umgehen? Eine dienstliche Kommunikation ist – schon aus Gründen des Datenschutzes – immer problematisch und in manchen Bundesländern deshalb sogar explizit verboten. Heißt das aber für Facebook, Twitter und Co. in jedem Fall: Wir müssen draußen bleiben? Oder gibt es doch Möglichkeiten, soziale Netzwerke erfolgreich in den Schulalltag einzubinden? Wie können Lehrkräfte beispielsweise Facebook im Unterricht nutzen? Tipps und konkrete Beispiele von unserem Interviewpartner Richard Heinen von der Universität Duisburg-Essen.
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Herr Heinen, wenn es den Lehrern freigestellt ist Facebook und Co. zu nutzen, sollten sie es auch tun?

Richard Heinen: Schüler nutzen Facebook, WhatsApp und zunehmend auch sicherere Messenger bereits zum Lernen, zum Austausch von Hausaufgaben, zum Diskutieren über Hausaufgaben oder zur Vorbereitung auf Klausuren. Es bietet sich also für Lehrer an, dieses Potenzial nicht einfach am Unterricht vorbei fließen zu lassen und diese Lebenswelt der Schüler einfach auszuschließen. Vielmehr gilt es, den Schülern einerseits kluge Wege zu zeigen, wie sie sich dort kompetent bewegen können und auf der anderen Seite diese Netzwerke auch didaktisch zu nutzen. Natürlich muss man vorsichtig mit sozialen Netzwerken im Unterricht umgehen. Das heißt, Lehrer müssen erstens aufpassen, was sie für Ihre Schüler preisgeben. Dafür brauchen sie ein Bewusstsein und müssen ihr Facebook-Profil entsprechend einstellen. Sie müssen zweitens darauf achten, auch in diesen Medien eine kluge Grenze zu ziehen, also eine professionelle Distanz zu wahren. Und das dritte, was ein Lehrer im Blick haben muss, ist, dass keine personenbezogenen Daten über ein solches Netzwerk verbreitet werden, wie zum Beispiel Noten. Wenn es jedoch um fachliche Inhalte geht, können solche Netzwerke durchaus nützlich sein. Lehrer aus Projektschulen in den Niederlanden beispielsweise sagen uns: Wenn ich für meine Klasse keine Facebook-Gruppe hätte, würde ich die Schüler nicht mehr wirklich erreichen können. Denn ihre E-Mails lesen sie nicht mehr.
 
Wie werden soziale Netzwerke in deutschen Schulen genutzt?

Richard Heinen: Anders als in den Niederlanden sind die Einsatzszenarien in Deutschland noch sehr zurückhaltend. Hier bei uns geht es eher um Organisatorisches, also um Hausaufgaben oder Termine. Viele Schüler hingegen nutzen solche Räume, um sich - nicht im negativen Sinn - hinter dem Rücken des Lehrers über den Unterricht auszutauschen. Ich habe selbst miterlebt, wie der Klassenprimus einen Tag vor der Klausur eine quasi Onlinesprechstunde abgehalten hat, bei der alle anderen ihn fragen konnten und er hat den Stoff erklärt. Das heißt, die Schüler haben sich auf Facebook gemeinsam auf eine Klassenarbeit vorbereitet.
 
Und gute Unterrichtsbeispiele mit sozialen Netzwerken – gibt´s die auch?

Richard Heinen: Ja, die gibt es. Eine Möglichkeit ist, Diskussionen über Twitter zu führen, die über gut gesetzte Hashtags auch eine Öffentlichkeit miteinbeziehen können. Wenn ich im Unterricht ein aktuelles politisches Themen behandele, dann kann ich die Schüler an real existierenden Diskussionen teilnehmen lassen. Ich kann ganz gezielt auf Persönlichkeiten zugehen und sie befragen. Ich kann also ohne großen Aufwand Experten in den Unterricht holen. Ein anderer Vorteil von Twitter ist, dass sich Schüler in bestimmten Diskussionen auch hinter Nicknames vor ihren Mitschülern verstecken können. Das heißt, diese Diskussionen sind einerseits öffentlich, weil sie im Netz stattfinden, andererseits geben sie aber dem einzelnen Schüler eine gewisse Privatsphäre, weil er sich hinter einem Nickname verbergen und in diesem Twitterdialog bereitwilliger seine wirkliche Meinung kundtun kann, als er das in der Klasse machen würde.
 
Soziale Medien und Schule – das ist Thema auf dem diesjährigen Hochschultag der didacta am 27.03 in Stuttgart, auf dem auch Richard Heinen referieren wird.
 
Zur Person
Richard Heinen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Learning Lab der Universität Duisburg - Essen und Koordinator des Interreg-Forschungsprojekts School-IT Rhein-Waal, bei dem die Schüler ihre privaten Geräte (Smartphones, Tablet PCs) im Unterricht einsetzen.