Interview: Was tun bei (Cyber)Mobbing? – Systemische Intervention und Prävention in der Schule

klicksafe/Maribelle Photography
Pünktlich zum Safer Internet Day 2017 hat klicksafe sein neues umfassendes Handbuch zum Thema (Cyber)Mobbing veröffentlicht. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Frage, wie solche Fälle insbesondere an Schulen effektiv bekämpft und prosoziales Verhalten gefördert werden können. Im Interview stellt Birgit Kimmel, pädagogische Leitung klicksafe, den neuen Ansatz vor, der die Aspekte Gewaltprävention, Mobbing-Intervention und Medienpädagogik miteinander verbindet.

klicksafe verfolgt mit dem neuen Lehrerhandbuch einen in seiner Form ganz neuen Ansatz: Es geht es nicht mehr (nur) um Prävention, sondern vor allem um Interventionsmaßnahmen, wenn das Mobbing bereits voll im Gange ist. Können Sie das kurz skizzieren?

Birgit Kimmel: Mit dieser Veröffentlichung verbinden wir Gewaltprävention, Mobbing-Intervention und Medienpädagogik miteinander. Bisher arbeiten Pädagogen in den Arbeitsfeldern der Gewaltprävention/-intervention und Medienpädagogik eher getrennt voneinander. Doch Mobbing und Cyber-Mobbing sind die beiden Seiten der gleichen Medaille. Zur Bearbeitung ist Expertenwissen aus der Gewaltprävention und der Medienpädagogik nötig. So haben sich klicksafe und das Mehr-Ebenen-Programm Konflikt-KULTUR zusammengetan, wechselseitig voneinander gelernt und Neues entwickelt. Denn die meisten Hilfskonzepte und Programme zum Thema Mobbing beschränken sich auf Prävention – angemessene Methoden zur Intervention fehlen weitestgehend. Folglich werden im Akutfall entweder Methoden herangezogen, die für Prävention entwickelt wurden, oder es wird aus Mangel an Interventionsmöglichkeiten wenig bis nichts unternommen. Das neue klicksafe-Handbuch bietet neben Grundlagen zum Thema Mobbing verschiedene Interventionsmöglichkeiten. Darüber hinaus werden Einblicke in ein sehr differenziertes Systemisches Konfliktmanagement gewährt.

Sie sagen, Mobbing ist heute fast immer auch Cyber-Mobbing. Können Sie das näher erläutern?

Birgit Kimmel: Wir verwenden in unserem Handbuch vorwiegend den Begriff (Cyber)Mobbing statt des Begriffs Mobbing. Damit möchten wir zum Ausdruck bringen, dass Mobbing heute in den meisten Fällen eben nicht mehr nur im direkten personellen Kontakt in der Klasse, im Schulhof, auf dem Schulweg oder dem Sportplatz geschieht, sondern parallel im Internet, in den sozialen Medien und über das Handy. Mobbing ohne das vorangestellte „Cyber“ gibt es praktisch nicht mehr, und Cyber-Mobbing macht das Mobbing noch wirksamer und für die Opfer noch furchtbarer. Wo nun beides zusammenkommt, analoges und digitales Mobbing, geht es eben um (Cyber)Mobbing. (Cyber)Mobbing sollte für jeden, insbesondere für Pädagogen, der Anlass sein, innezuhalten, genau hinzuschauen und angemessen zu handeln. Den Begriff Cyber-Mobbing verwenden wir nur da, wo es explizit um die Beschreibung der digitalen Welt geht. Ebenso verwenden wir den Begriff analoges Mobbing nur dort, wo wir explizit auf das Mobbing ohne digitale Hilfsmittel eingehen.

Das neue klicksafe-Unterrichtsmaterial zum Thema (Cyber)Mobbing rückt vor allem die so genannten Bystander in den Mittelpunkt. Warum spielt diese Gruppe, die ja weder direkt „Täter“ noch „Opfer“ sind, beim (Cyber)Mobbing eine wichtige Rolle?

Birgit Kimmel: Bei (Cyber)Mobbing handelt es sich immer um einen gruppendynamischen Prozess, der nur mit einer systemischen Perspektive verstehbar ist, die mehr erfasst als die Beziehung zwischen Tätern und Opfern, denn (Cyber)Mobbing entsteht bevorzugt in Gruppen mit Zwangscharakter, aus denen die Betroffenen nicht einfach entfliehen können – Zwangskontexte, wie sie die Schulpflicht schafft. Daher konzentriert sich das Handbuch vor allem auf die Schule. Viele Aussagen sind jedoch auf vergleichbare Kontexte, wie die (teil-)stationäre Jugendhilfe übertragbar. (Cyber)Mobbing ist ein komplexes Konfliktgeschehen, zu dessen Entstehung und Aufrechterhaltung viele Akteure beitragen. So kann auch nur eine systemische Intervention, welche die ganze Gruppe, deren Kommunikationsstrukturen, deren Beziehungsgeflecht und deren Werterahmen einbezieht, eine nachhaltige Lösung bewirken.
 
In den Materialien werden Begriffe wie „Opfer“ und „Täter“ nach Möglichkeit vermieden. Warum?

Birgit Kimmel: Zunächst hatten wir beim Schreiben der Texte den Begriff Opfer – ebenso wie Täter – in Anführungszeichen gesetzt. Damit wollten wir zum Ausdruck bringen, dass in einem engeren Sinne erst dann von einem Täter gesprochen werden sollte, wenn jemand eine Straftat begangen hat. Dies ist bei (Cyber)Mobbing aber nicht immer der Fall. Der Begriff Täter ist zudem sehr stigmatisierend und kennzeichnet eine ganze Person und nicht nur deren Verhalten – und gerade um diese Unterscheidung geht es uns. Besser wäre es also, vor Kindern und Jugendlichen die Begriffe Tatverantwortlicher oder schädigende Kinder /Jugendliche zu verwenden und den Ausdruck Täter in pädagogischen Kontexten sehr zurückhaltend zu benutzen. Alles das schwingt in den Anführungszeichen bei „Täter“ mit. Ebenso verhält es sich mit dem Begriff Opfer. Der Begriff wird von Kindern / Jugendlichen mittlerweile als Schimpfwort gebraucht, und auch er ist stigmatisierend. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sollte lieber mit Begriffen wie Geschädigter oder „der, der es abbekommt“ operiert werden.