Gewalt und Extremismus im NetzNihilistische Gewalt-Communities im Internet: Was Eltern und pädagogische Fachkräfte wissen sollten

In den vergangenen Jahren haben sich im Internet verschiedene Netzwerke gebildet, in denen Gewalt verherrlicht und schwere Straftaten glorifiziert werden. Auch kam es zu Fällen von Gewalt gegen Menschen oder Tiere, die sich auf solche Online-Gruppen und ihren Einfluss zurückführen lassen. Besonders für vulnerable Kinder und Jugendliche können solche Gruppen zur Gefahr werden. Kinder und Jugendliche können dabei manipuliert, erpresst oder zu schädlichen Handlungen gedrängt werden. In unserem Artikel erklären wir, worum es bei diesem Phänomen geht, welche Warnzeichen es gibt und wie Eltern und pädagogische Fachkräfte betroffene Kinder und Jugendliche unterstützen können.

Was sind nihilistische Gewaltgruppen?

Unter dem Begriff „nihilistische Gewaltgruppen“ werden lose organisierte Online-Communities zusammengefasst. Kennzeichnend für diese Gruppen sind die Verherrlichung von und das Anstiften zu Gewalt. Oft wird in diesen Gruppen eine Weltanschauung verbreitet, der zufolge das Leben keinen Sinn habe und moralische Grenzen bedeutungslos seien.

Dadurch unterscheiden sich diese Gruppen von „klassischen“ extremistischen Gruppen, die in der Regel einer klaren politischen oder religiösen Ideologie folgen. Für nihilistische Gewaltgruppen stehen vielmehr Hoffnungslosigkeit, Zynismus sowie die Faszination für Gewalt, Macht und Kontrolle über andere Menschen im Mittelpunkt.

Diese Gruppen organisieren sich überwiegend in schwer zugänglichen Bereichen des Internets und auf Plattformen, die anonyme Kommunikation ermöglichen z.B. Telegram. Sie sind international vernetzt und verändern sich ständig. Deshalb lässt sich ihre genaue Größe nur schwer bestimmen. Bei dem sogenannten Com-Netzwerk geht das FBI von mehreren Tausend aktiven oder ehemaligen Beteiligten aus. Diese unterscheiden sich dabei stark in ihrer Aktivität und ihrem Verhalten. Im Rahmen des „Project Compass“ von Europol konnten bisher rund 180 Täter*innen ausfindig gemacht werden. Das Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS) beobachtete von Juni 2025 bis Mai 2026 die Aktivitäten von rund 560 Telegramkanälen und -gruppen, die dem Bereich der nihilistischen Gewalt zugeordnet werden konnten. Dabei fanden sie rund 12.000 Accounts, die sich aktiv mit Posts in diesen Gruppen beteiligten.

Auch wenn solche gewaltorientierten Communities dem aktuellen Kenntnisstand nach kein Massenphänomen sind, können sie für einzelne junge Menschen ein erhebliches Risiko darstellen. So suchen einige Gruppen gezielt nach Jugendlichen, die sich einsam fühlen, psychisch belastet sind oder nach Anerkennung und Zugehörigkeit suchen. Dabei geht es häufig weniger darum, neue Mitglieder für eine bestimmte Weltanschauung zu gewinnen. Vielmehr versuchen sie, die Betroffenen in eine emotionale Abhängigkeit zu bringen und sie durch Manipulation dazu zu verleiten, sich selbst oder andere zu verletzen. Auch das Erstellen sexualisierter oder degradierender Bilder oder Videos kann ein Motiv der Täter*innen sein.

Wie werden Kinder und Jugendliche zu Betroffenen von solcher Gewalt?

Die Online-Gruppen nutzen unterschiedliche Strategien, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Dabei geht es zunächst darum, gezielt nach vulnerablen Personen zu suchen, Vertrauen aufzubauen und persönliche oder intime Informationen zu erhalten. Anschließend können diese Informationen genutzt werden, um die Betroffenen zu erpressen und zunehmend zu kontrollieren.

Gezielte Suche nach vulnerablen Personen: Die Täter*innen durchsuchen soziale Netzwerke gezielt nach Hinweisen auf Einsamkeit, psychische Belastungen oder Selbstverletzung. Dazu nutzen sie zum Beispiel einschlägige Suchbegriffe oder Hashtags. Auch Beiträge über Suizidgedanken oder andere persönliche Krisen können ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Täter*innen suchen also oft nicht zufällig nach Opfern, sondern versuchen gezielt, besonders verletzliche Personen zu kontaktieren.

Viele Kontaktversuche: Die Suche erfolgt teilweise in großem Umfang. Ausgewertete Anleitungen der Gruppe „764“ zeigen, dass dabei bewusst viele Personen kontaktiert werden. In einem untersuchten „Leitfaden” wurde zum Beispiel der Erhalt von 10 bis 15 intimen Inhalten pro 200 kontaktierten Personen als Erfolg beschrieben.

Vertrauen und Täuschung: Nach der Kontaktaufnahme täuschen die Täter*innen zum Beispiel eine Freundschaft oder eine romantische Beziehung vor oder geben sich als zuverlässige Hilfsperson aus. Sie passen ihre Profile und ihre Ansprache an die jeweilige Zielgruppe an. So versuchen sie, persönliche Informationen oder intime Bilder zu erhalten.

Erpressung und Kontrolle: Sobald kompromittierendes Material vorhanden ist, kann es als Druckmittel dienen. Die Täter*innen drohen beispielsweise damit, Bilder oder andere Informationen an Familie und Freunde weiterzugeben. Die Betroffenen werden dadurch zu weiteren Handlungen gedrängt. Dazu können Selbstverletzungen, Gewalt gegen andere Menschen oder Tiere und die Erstellung weiterer sexualisierter Inhalte gehören.

Plattformwechsel: Die verschiedenen Schritte finden häufig nicht auf derselben Plattform statt. Der erste Kontakt kann beispielsweise über Instagram, Roblox oder Reddit erfolgen. Anschließend werden Betroffene auf Messenger wie Discord oder Telegram weitergeleitet.

Die Folgen können für Betroffene schwerwiegend sein. Der Druck kann über längere Zeit aufrechterhalten werden und endet nicht unbedingt mit dem Abbruch des Kontakts. Manche Betroffene werden zudem dazu gebracht, andere Menschen zu erpressen oder zu missbrauchen. Dadurch können Opfer und Beteiligte zunehmend schwer voneinander zu trennen sein.

Wie werden Kinder und Jugendliche Teil von Com-Netzwerken?

Kinder und Jugendliche können nicht nur Opfer solcher Gruppen werden. Manche werden durch Erpressung oder Manipulation dazu gebracht, selbst andere Menschen zu schädigen. Andere beteiligen sich aus eigenem Antrieb, etwa weil sie sich Anerkennung, Status oder Zugehörigkeit erhoffen.

Ein möglicher Ablauf beginnt mit der eigenen Erpressung. Betroffene werden dadurch dazu gedrängt, andere Personen zu kontaktieren oder intime Inhalte von ihnen zu beschaffen. So können sie selbst Teil der Ausbeutung weiterer Opfer werden.

Bei anderen steht dagegen der Wunsch nach Anerkennung innerhalb der Gruppe im Vordergrund. Manche Gruppen veröffentlichen „Annoncen“, um neue Mitglieder anzuwerben, und verlangen von ihnen zunächst bestimmte Handlungen, mit denen sie ihre Loyalität unter Beweis stellen sollen. Dazu können Erpressung, Sachbeschädigung, Gewalt oder Tierquälerei gehören. Die geforderten Handlungen können dabei zunehmend drastischer werden: Mitglieder versuchen, sich selbst zu übertreffen oder andere zu überbieten, um ihren Status innerhalb der Gruppe zu festigen oder zu erhöhen.

Wie oben beschrieben, können die Grenzen zwischen Opfer und Beteiligten fließend sein. Ein junger Mensch kann gleichzeitig selbst Opfer von Erpressung sein und andere Menschen ausbeuten. Umgekehrt ist jedoch nicht jede Beteiligung auf eine vorherige Erpressung zurückzuführen.

Der Fall rund um den als „White Tiger“ bekannten Beschuldigten zeigt, wie komplex diese Dynamik sein kann. Ihm werden mehr als 200 Straftaten gegen über 30 Betroffene vorgeworfen. Dabei soll er unter anderem eines seiner Opfer dazu gebracht haben, auf einen Jugendlichen in den USA einzuwirken. Der Jugendliche starb später durch Suizid. Der Fall zeigt, dass Betroffene unter dem Einfluss solcher Gruppen selbst dazu gebracht werden können, sich an der Schädigung weiterer junger Menschen zu beteiligen.

Für Eltern und Fachkräfte ist also wichtig zu wissen: Auch wenn ein junger Mensch selbst andere geschädigt hat, kann er gleichzeitig Unterstützung und Schutz benötigen.

Was sind Hinweise und wie können Eltern und Fachkräfte helfen?

Es gibt einige Anzeichen, die darauf hindeuten können, dass ein Kind oder Jugendlicher unter dem Einfluss nihilistischer Gewaltgruppen steht oder von ihnen unter Druck gesetzt wird. Wichtig: Kein einzelnes dieser Anzeichen ist ein eindeutiger Beleg. Entscheidend ist vielmehr, ob mehrere Veränderungen zusammenkommen oder konkrete Hinweise auf Druck, Erpressung oder Gewalt auftreten. Darüber hinaus können einige einfache Maßnahmen helfen, das Risiko zu verringern, dass Kinder und Jugendliche ins Visier von Täter*innen gelangen.

Was tun bei konkreten Hinweisen?

Auffällige Verhaltensänderungen: Plötzlicher Rückzug, neue Kontakte oder starke Veränderungen bei Gewohnheiten und Online-Aktivitäten können Hinweise sein. Eltern und Fachkräfte sollten dann nachfragen und versuchen nachzuvollziehen, worin die Veränderungen ihre Ursache haben. 

Ungewöhnliche Online-Kontakte: Neue Kontakte zu unbekannten Personen, ein Wechsel auf andere Plattformen oder ungewöhnliche Geheimhaltung sollten aufmerksam machen. Gemeinsam können Eltern und Kinder prüfen, wer Kontakt aufnimmt und welche Sicherheitseinstellungen wichtig sind. 

Verletzungen oder auffällige Zeichen: Nicht erklärbare Schnitte, Kratzer, Blutergüsse oder Verbrennungen sollten ernst genommen werden. Ein besonders deutlicher Hinweis sind sogenannte Cut-Signs. Dabei werden Betroffene dazu gebracht, den Namen oder das Kennzeichen der Person, die sie unter Druck setzt, in die eigene Haut zu ritzen. Solche Verletzungen gelten in diesen Gruppen als Trophäen und Zeichen der Kontrolle über Betroffene.

Auffälligkeiten bei Geschwistern oder Tieren: Auch unerklärliche Verletzungen bei Geschwisterkindern sollten aufmerksam machen. Gleiches gilt für ungewöhnliche Verletzungen, Todesfälle oder das Verschwinden von Haustieren. Junge Menschen können unter Druck dazu gebracht werden, Personen oder Tiere aus ihrem Umfeld zu schädigen.

Konkrete Hinweise auf Erpressung oder Zwang: Wenn ein Kind von Drohungen oder Erpressung berichtet oder davon, zu bestimmten Handlungen gedrängt zu werden, sollte dies sofort ernst genommen werden. In solchen Situationen sollten Eltern und Fachkräfte schnell Unterstützung und Beratung suchen, etwa bei der Polizei oder der Nummer gegen Kummer. Bei einer Anzeige sollte darauf hingewiesen werden, dass die Tat im Zusammenhang mit einer gewaltbereiten Online-Gruppe steht. So kann vermieden werden, dass sie lediglich als Einzeltat, etwa als Körperverletzung oder Nötigung, erfasst und der Zusammenhang mit dem Phänomen „gewaltbereite Online-Gruppen“ übersehen wird. Bei akuter Gefahr sollte sofort die Polizei oder medizinische Hilfe verständigt werden. 

Wichtige Handlungstipps im Ernstfall

Wenn Sie oder Ihr Kind betroffen sind:

  • Sofort die Kommunikation beenden
  • Screenshots von Profilen und Nachrichten sichern
  • Account blockieren und der Plattform melden
  • Keine weiteren Bilder senden oder Forderungen erfüllen
  • Unterstützung durch Vertrauenspersonen oder die Polizei holen

Mehr Informationen finden sich auch im Online-Flyer des BKA.

Wie können Kinder und Jugendliche präventiv geschützt werden?

Accounts und Geräte absichern: Eltern sollten gemeinsam mit ihren Kindern die Privatsphäre- und Sicherheitseinstellungen der genutzten Dienste überprüfen. Profile sollten für Fremde möglichst wenig auffindbar sein. Unbekannte Personen sollten nicht ohne Weiteres Kontakt aufnehmen können. Hilfe bei den Einstellungen bietet www.medien-kindersicher.de.

Über riskante Online-Aktivitäten aufklären: Kindern sollte vermittelt werden, dass persönliche Informationen und private Probleme nicht für alle sichtbar im Internet geteilt werden sollten. Dafür ist es wichtig, das Kinder lernen, was private Informationen sind und wie sie im schlimmsten Fall auch von anderen zu ihrem Nachteil genutzt werden können.

Interesse an der Onlinewelt der Kinder zeigen: Eltern und andere Erwachsene sollten sich dafür interessieren, welche Plattformen und Dienste Kinder nutzen, mit wem sie dort Kontakt haben und was sie online beschäftigt. Dabei geht es nicht um lückenlose Kontrolle, sondern darum, im Gespräch zu bleiben und problematische Veränderungen frühzeitig bemerken zu können.

Hilfsangebote bekannt machen: Kinder und Jugendliche sollten wissen, dass sie sich auch außerhalb ihres direkten Umfelds Hilfe holen können. Angebote wie Nummer gegen Kummer, JUUUPORT oder das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch beraten vertraulich und kostenlos. So gibt es eine Anlaufstelle, auch wenn Kinder und Jugendliche sich nicht trauen, mit den Eltern oder anderen Erwachsenen über ihre Probleme zu sprechen.