Interview mit Madita OemingPornografie und sexualisierte Gewalt im Netz: Das können Eltern und pädagogische Fachkräfte tun

Ob beim neugierigen Surfen auf Pornoseiten oder ungewollt im Klassenchat: Die meisten Jugendlichen kommen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren erstmals mit Pornografie in Kontakt. Pornos als Teil der jugendlichen Lebenswelt zu begreifen, ist daher unvermeidlich. Dabei ist zum einen wichtig, Kinder wirksam vor entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten zu schützen. Zum anderen sollten wir die sexuelle Aufklärung nicht Pornos überlassen, sondern mit Jugendlichen ins Gespräch kommen. Denn durch Pornos werden Stereotype oder unrealistische Vorstellungen von Sexualität und Körpervielfalt vermittelt. Wir haben mit Expertin Madita Oeming über Pornografie und sexualisierte Gewalt online gesprochen. Sie gibt Tipps, wie Eltern und pädagogische Fachkräfte junge Menschen unterstützen können.

Frau Oeming, wie können Eltern ein Gespräch über Pornografie starten?

Auf jeden Fall nicht mit einer Frage wie „Uuund, welchen Porno hast du zuletzt so gesehen?“ (lacht). Der Lebensweltbezug ist hier ausnahmsweise nicht die beste Strategie, denn das kann bei diesem Thema überfordern, peinlich berühren und völlig legitime Intimitätsgrenzen verletzen. Lieber würde ich von einem allgemeinen Phänomen aus beginnen. Zum Beispiel so: „Ich habe gelesen, dass heute ganz oft Pornos in Klassenchats landen. Das stelle ich mir irgendwie herausfordernd vor. Kam das bei euch schon vor?“ Dann ist direkt klar, dass dies kein ungewöhnliches Erlebnis ist und dass so ein Kontakt auch völlig ungewollt passieren kann. Das nimmt die Angst, etwas falsch gemacht zu haben. Selbst wenn das noch nicht vorkam oder in dem Moment keine Bereitschaft für ein Gespräch darüber da ist, markiert so ein simpler Satz Ansprechbarkeit. Kinder wissen dann: „Meine Eltern kennen dieses Wort und die Problematik und drehen nicht direkt durch.“ Das ist schon mal viel wert.

Mit älteren Jugendlichen, bei denen die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie schon absichtlich Pornos aufgesucht haben, kann man auch über eine Annahme reingehen für einen möglichst undramatischen Einstieg: „Ich gehe davon aus, dass du schon Pornos gesehen hast, und mir ist wichtig, dich damit nicht allein zu lassen. Also wenn du Fragen hast, bin ich da.“ Je wertfreier wir an die Sache herangehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch ein Gespräch zustande kommt.

Grundsätzlich lassen sich bestimmte Aspekte von Pornografie auch thematisieren, ohne direkt über Pornos sprechen zu müssen. Wenn beispielsweise andere Medien gemeinsam reflektiert oder Rollenbilder besprochen werden, wenn der Realitätsgehalt von Inszenierungen auf Social Media hinterfragt oder Konsens vorgelebt wird. Es gibt viele Gesprächsanlässe, bei denen es nicht vordergründig um Sex gehen muss.

Und wie sollten Eltern reagieren, wenn Kinder mit pornografischen Inhalten, beispielsweise im Klassenchat, in Berührung gekommen sind und sich ihnen anvertrauen?

Am besten erst einmal danke sagen, für das Vertrauen. Wenn Kinder sich mitteilen, gerade zu schambesetzten Themen, sollten wir das immer positiv bestärken. Dann würde ich probieren, erst einmal möglichst gelassen zu reagieren und auf die Fragen und Bedürfnisse des Kindes zu schauen: „Danke, dass du mir das erzählst. Wie ging es dir denn mit der Situation?“

Manchmal beschäftigen Kinder in diesen Momenten ganz andere Sorgen als uns als erwachsene Bezugspersonen. Für viele Eltern klappt sich unmittelbar ein Katalog an Ängsten und Themen auf, und es ist wichtig, diese nicht alle reflexhaft auf das eigene Kind zu übertragen. Vielleicht hat es die Situation ganz anders erlebt, als wir annehmen. Ungeplante erste Pornokontakte lösen ganz unterschiedliche, oft ambivalente Gefühle aus. Das kommt auch sehr auf den konkreten Inhalt und das Alter beziehungsweise den Entwicklungsstand des Kindes an.

Vielleicht dreht ein anschließendes Gespräch sich darum, dass Pornos nur Fantasiefilme sind und Sex oft anders aussieht, als dort gezeigt wird. Vielleicht geht es um Körperbilder. Oder um eigene Reaktionen wie Ekel oder Erregung und was eigentlich normal ist (wichtig: Alle Gefühle sind es!).

Gerade in dem Kontext Klassenchat fände ich es aber immer wichtig, auch über Grenzen zu sprechen und dass es nicht in Ordnung ist, anderen ungefragt pornografische Inhalte zu zeigen. Das hilft, um sich dagegen zu wehren, und auch, um selbst digitale Verantwortung zu übernehmen und anders zu handeln.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind mit intimen Aufnahmen erpresst wird?

Erst einmal zuhören. Und unbedingt Vorwürfe vermeiden. Leider passiert in solchen Situationen häufig „Victim Blaming“ (dt. „Opfer-Beschuldigung“), weil vielen Eltern als Erstes die Frage in den Kopf schießt: „Warum hast DU das überhaupt verschickt?“ Es muss stattdessen ganz klar gemacht werden: „Was dir da angetan wird, ist nicht in Ordnung. Wir sind auf deiner Seite.“

Was dann konkret zu tun ist, hängt sehr vom Einzelfall ab. Ist das eine fremde oder bekannte Person? Wie ernstzunehmend sind die Drohungen? Um welche Bildinhalte handelt es sich? Und so weiter. Grundsätzlich sollte man nicht auf Forderungen eingehen. Ob rechtliche Schritte sinnvoll sind, ist fallabhängig. Das betroffene Kind sollte in jedem Fall in den Entscheidungsprozess einbezogen werden, denn es erlebt ja gerade schon enorme Ohnmacht.

Wichtig bei intimen Bildern von Minderjährigen, insbesondere wenn sie unter 14 sind, ist ein vorsichtiges Vorgehen bei der Beweissicherung. Wenn Eltern Screenshots machen oder die Bildinhalte anderweitig speichern oder weiterleiten, können sie sich unter Umständen selbst strafbar machen. Am besten geht man mit dem Gerät direkt zur Polizei, sofern Anzeige erstattet werden soll.

Erst wenn sich die Wogen wieder etwas geglättet haben, würde ich noch mal das Gespräch suchen, was möglicherweise präventiv noch getan werden könnte, damit so etwas in Zukunft möglichst nicht wieder passiert. Also noch mal eine Sensibilisierung zum Umgang mit intimen Bildern. Reine Verbote werden hier wie immer nicht helfen, sondern führen im Zweifelsfall nur dazu, dass Kinder es heimlich machen und sich nicht trauen, Unsicherheiten oder schlechte Erfahrungen zu teilen.

Was können Schulen tun, wenn Nacktbilder ihrer Schüler*innen im Umlauf sind?

Sie sollten alles tun, damit die Person, die auf dem Nacktbild zu sehen ist, nicht zusätzlich belastet wird. Jugendliche empfinden das Eingreifen von Erwachsenen teilweise als gewaltvoller als die eigentliche Grenzverletzung. Denn dabei wird oft über ihre Köpfe hinweg entschieden, unnötig viele Menschen werden miteinbezogen, intime Inhalte werden immer wieder weitergeteilt oder es werden Schuldgefühle vermittelt. All das gilt es zu vermeiden. Das Belastungspotenzial solcher Vorfälle ist sehr hoch und sollte ernst genommen werden.

Wichtig sind Gespräche nicht nur mit Betroffenen und Tatpersonen, sondern auch mit den Bystandern (dt. Zuschauenden). Wie diese mit der Situation umgehen, kann einen enormen Einfluss haben. Zeigen sie sich solidarisch und verurteilen die Person, die nicht einvernehmlich Bilder verbreitet hat? Oder mobben sie Betroffene zusätzlich? Leider liegen die Konsequenzen fast immer auf den Schultern der Betroffenen. Es sind auch diejenigen, die häufiger die Schule verlassen, nach so einem Vorfall. Das muss anders werden.

Hier braucht es viel Empathieschulung, Konsenskultur und umfassende Gespräche über Geschlechterrollen. Denn Mädchen sind überproportional häufig von dieser Form der digitalen Gewalt betroffen und Mechanismen wie Slutshaming (dt. „Schlampen-Beschämen“) spielen eine große Rolle. Es wird wenig darin investiert, die Gruppendynamiken und gesellschaftlichen Muster zu hinterfragen, die solche Bilder überhaupt so mächtig werden lassen.

Leider handeln die meisten Schulen erst, wenn schon etwas passiert ist. Angebote, die ein respektvolles digitales Miteinander fördern und auch digitale Gewaltphänomene thematisieren, sollten standardmäßig ins Schulgeschehen gehören.

Welche Chancen bieten Online-Angebote für die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen?

Tatsächlich einige. Digitale Räume können ein wichtiger Möglichkeitsraum sein, in dem sich Jugendliche in vergleichsweise kontrollierbaren Settings an erste sexuelle Begegnungen herantasten können. Sofern sie die entsprechenden Kompetenzen an die Hand bekommen. Online kann ich wegklicken, blockieren oder zwei Stunden mit meiner Antwort warten. Ich kann leichter bei mir und meinen Grenzen sein. Ein digitales „Nein“ fällt vielen leichter. Und ein „Ja“ auch.

Gerade für all diejenigen, die in analogen Räumen eingeschränkt sind, weil sie queer sind, mit Behinderungen leben, unter strenger elterlicher Kontrolle stehen oder schlichtweg schüchtern sind, kann das Internet zu einem wertvollen, sogar unverzichtbaren Ort werden. Ich hätte mir für meine Jugend diese Möglichkeiten sehr gewünscht und bin überzeugt, dass sie mir einige negative analoge Erfahrungen erspart hätten.

Zur Person: Madita Oeming

Madita Oeming ist Autorin, Sexualpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Mit ihrer Arbeit möchte sie Mythen rund um Sex und Medien aufdecken, Ängste abbauen und sexuelle Medienkompetenz vermitteln. In ihrem aktuellen Buch „Aufgeklärt statt aufgeregt“ beschäftigt sie sich mit der Frage, was Eltern heutzutage brauchen, um ihre Kinder durch die digitale Pubertät zu begleiten.

Weitere Informationen zu Madita Oeming und ihrer Arbeit finden Sie auf ihrer Website www.maditaoeming.de.

TV-Tipp zum Thema

ZDF-Dokuserie: "Generation Porno – Was unsere Kinder online sehen"

Der Film begleitet junge Menschen in ihrem täglichen Leben und zeigt, wie sie solche Erfahrungen verarbeiten – zwischen Neugier, Verunsicherung und Überforderung. Fachleute helfen dabei, das Gesehene einzuordnen und geben Orientierung in einer Welt, die für viele zu früh zu viel zeigt. Weitere Informationen

Sendedatum:

  • ZDF-Mediathek: Ab Dienstag, 2. Juni 2026, 10.00 Uhr, im ZDF streamen (3x30 Min.)
  • ZDF-TV: Dienstag, 2. Juni 2026, 20.15 Uhr (ca. 45 Min.)