Digitale sexuelle GewaltWas tun gegen Nacktbilder und Deepfakes im Netz?

Der Fall von Collien Fernandes ist derzeit in aller Munde. Die Schauspielerin und Moderatorin hat öffentlich gemacht, dass sie Opfer digitaler sexueller Gewalt geworden ist. Seitdem wird in Deutschland viel darüber diskutiert, welches Ausmaß das Problem hat und ob die aktuellen Gesetze ausreichen, um ihm zu begegnen. In unserem Artikel geben wir grundlegende Informationen zum Phänomen der bildbasierten sexuellen Gewalt und zeigen Handlungsoptionen für Betroffene auf.

Der Fall von Collien Fernandes hat eine Debatte ausgelöst, die weit über den Einzelfall hinausgeht. Im Zentrum steht ein Phänomen, das viele Menschen betrifft, aber oft unterschätzt wird: bildbasierte sexualisierte Gewalt. Damit sind Situationen gemeint, in denen intime oder sexualisierte Bilder ohne Zustimmung der abgebildeten Personen erstellt, verbreitet oder als Druckmittel eingesetzt werden. Hierbei werden grundlegende Rechte wie die sexuelle Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Bild missachtet. Für die Betroffenen bedeutet dies eine massive Verletzung ihrer Privatsphäre, ihrer Würde und ihrer persönlichen Sicherheit – mit teils gravierenden psychischen Folgen.

Die Entwicklung durch neue Technologien ist besonders besorgniserregend. Generative Künstliche Intelligenz ermöglicht heute die einfache Erstellung täuschend echter Bilder und Videos. Sogenannte Deepfakes oder Deepnudes zeigen Menschen in intimen Situationen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Die Einstiegshürden sind gering: Oft reichen wenige Klicks und frei verfügbare Tools aus, um solche Inhalte zu erstellen. Für Betroffene spielt es dabei kaum eine Rolle, ob ein Bild echt ist oder nicht – die Wirkung ist dieselbe. Rufschädigung, soziale Ausgrenzung und die ständige Angst vor weiterer Verbreitung gehören für viele zum Alltag.

Diese Entwicklung stellt rechtlich und gesellschaftlich eine große Herausforderung dar. Zwar ist die Verbreitung solcher Inhalte in vielen Fällen strafbar, doch gerade bei KI-generierten Fälschungen gibt es noch Gesetzeslücken. Mit der zunehmenden Qualität und Verbreitung von KI-Technologien ist davon auszugehen, dass auch die Zahl der Fälle zukünftig noch weiter steigen wird. Umso wichtiger ist es, das Problem sichtbar zu machen und Betroffene ernst zu nehmen.

Betroffene sollten wissen: Es gibt Möglichkeiten, sich zu wehren. Zunächst ist es wichtig, Beweise zu sichern und sich Unterstützung zu holen, beispielsweise bei Beratungsstellen oder der Polizei. Auch Plattformen wie Instagram, TikTok oder Facebook bieten Meldefunktionen. Die Bearbeitung der Meldungen kann allerdings längere Zeit in Anspruch nehmen. Ebenso entscheidend ist Prävention: Wer seine Privatsphäre-Einstellungen bewusst nutzt und persönliche Informationen schützt, kann Risiken zumindest reduzieren. Und nicht zuletzt gilt: Niemand muss mit dieser Situation allein bleiben, denn es gibt zahlreiche anonyme Hilfsangebote, die Betroffene unterstützen und begleiten.

Was können Betroffene tun?

  1. Schütze dein Profil
    Es ist wichtig, die Sicherheitseinstellungen in den Sozialen Netzwerken so zu wählen, dass möglichst wenig Privates öffentlich ist. Der Profilname sollte keinen Rückschluss auf den echten Namen, das Alter oder den Wohnort enthalten. Je nach Plattform kann man einstellen, ob Fremde das eigene Profil sehen können, ob sie einem Nachrichten schreiben oder Beiträge kommentieren können. Je restriktiver die Einstellungen sind, desto sicherer. Diese Einstellungen können auch nachträglich getroffen werden. Manche Plattformen bieten die Option, das Profil zu deaktivieren. So kann man in Ruhe überlegen, wie man weiter vorgeht. Auf unseren Themenseiten gibt es weitere Informationen zu den Einstellungen bei InstagramTikTok und Co.
  2. Hol dir Hilfe
    Du musst diese Situation nicht alleine durchstehen. Wenn Du Bezugspersonen hast, denen du dich anvertrauen kannst, solltest du das unbedingt tun. Wenn du das Gefühl hast, dass du mit niemandem in deiner Umgebung sprechen kannst, gibt es viele anonyme Hilfsangebote. Im Kasten unten haben wir mehrere Beratungsstellen aufgeführt, bei denen man anonym und kostenlos Hilfe findet - per Telefon, E-Mail oder auch im Chat.
  3. Wehr dich: Melde und lösche die Aufnahmen
    Alle großen Plattformen wie zum Beispiel Facebook, Instagram und TikTok bieten die Möglichkeit, solche Inhalte zu melden. Allerdings kann dieser Prozess lange dauern. Falls die Meldung bei der Plattform aus irgendeinem Grund nicht gut funktioniert, gibt es auch die Möglichkeit, den Vorfall einer Meldestelle (jugendschutz.net und Internet-Beschwerdestelle) mitzuteilen.
  4. So kannst du die Verbreitung präventiv verhindern
    Der Dienst Take It Down (deutsch: Lösch das) möchte die ungewollte Verbreitung intimer Bilder von Minderjährigen verhindern. Wenn du dir Sorgen machst, dass intime Bilder im Netz auftauchen könnten, kannst du diese Aufnahmen bei „Take It Down“ mit einem „digitalen Fingerabdruck“ (genannt Hash-Wert) versehen lassen. Dieser Fingerabdruck wird an alle teilnehmenden Plattformen weitergegeben. Das hat zur Folge, dass auf diesen Plattformen niemand mehr diese Inhalte hochladen kann. Mehr Informationen dazu, wie sich Take it Down nutzen lässt, gibt es hier. Für alle Personen über 18 Jahren gibt es den Dienst StopNCII.

Hilfe- und Beratungsstellen

Nummer gegen KummerKinder- und Jugendtelefon (anonym und kostenlos). Rufnummer: 116 111 (Mo-Sa von 14-20 Uhr) sowie Online-Beratung per Mail oder Chat. Elterntelefon (anonym und kostenlos). Rufnummer: 0800 111 0 550 (Mo-Fr 9-17 Uhr, Di-Do 9-19 Uhr.). Website: www.nummergegenkummer.de.  

Juuuport: Kostenlose Beratungsstelle von jungen Menschen für junge Menschen. WhatsApp-Beratung oder E-Mail unter: https://www.juuuport.de/hilfe/beratung.

HateAid: Kostenlose Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt. Rufnummer 030 25208838 (Mo 10-13 Uhr | Di 15-18 Uhr | Do 16-19 Uhr). E-Mail: beratung@hateaid.org. Website: www.hateaid.org/betroffenenberatung.

Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch: Anonyme, kostenlose und mehrsprachige Hilfe und Beratung. Rufnummer 0800 22 55 530 (Mo, Mi, Fr 9-14 Uhr | Di, Do 15-20 Uhr) sowie unter Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch.

Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufewww.aktiv-gegen-digitale-gewalt.de.

Weitere Informationen und Materialien von klicksafe

Themenbereich: Sexualisierte Gewalt durch Bilder

Ob gefälscht oder nicht: Wenn intime oder sexualbezogene Aufnahmen ohne Erlaubnis erstellt oder verbreitet werden, ist das sexualisierte Gewalt. In unserem Themenbereich klären wir auf, welche verschiedenen Formen und Fälle bildbasierter sexualisierter Gewalt es gibt. Und welche Rolle der missbräuchliche Einsatz von künstlicher Intelligenz dabei spielt. Zudem zeigen wir Handlungsmöglichkeiten für Betroffene und ihre Unterstützer*innen auf.

Lehrmaterial zu Pornografie und Deepfakes

Nacktfotos und Pornos sind heute über das Internet für Jugendliche quasi frei verfügbar. Doch viele dieser sexualisierten Medieninhalte können Heranwachsende verunsichern und überfordern. Das klicksafe-Lehrmaterial „Let's talk about Porno“ liefert sowohl Hintergrundinformationen für Lehr- und Fachkräfte als auch konkrete Module für den Unterricht und die außerschulische Jugendarbeit. Im Kontext der bildbasierten sexualisierten Gewalt ist vor allem der „Baustein 4. Sexualisierte Gewalt und digitale Grenzverletzungen“ relevant.

Zunehmend werden mittlerweile sogenannte Deepfakes oder Deepnudes genutzt, um im digitalen Raum sexuelle Gewalt auszuüben. Unser Lehrmaterial „Deep Fake. Deep Impact.“ erklärt, wie diese Technologie funktioniert und welche Auswirkungen sie haben kann. Im Kapitel „Können Deepfakes gefährlich sein?“ werden auch die Themen sexualisierte Gewalt und Frauenhass behandelt. 

 

Materialien für Jugendliche zum Thema

Sextortion, eine Kombination aus "Sex" und "Extortion" (Erpressung), bezeichnet die Erpressung mit intimen Fotos oder Videos. Täter*innen setzen Betroffene unter Druck, indem sie mit der Veröffentlichung dieser Aufnahmen drohen. Ziel ist es, Geld zu verlangen oder – im Rahmen einer Beziehung – andere Forderungen zu stellen (z.B. nach weiteren Nacktaufnahmen). Der Flyer „F***, ich werde mit Nacktbildern erpresst!“ von klicksafe und JUUUPORT bietet konkrete Fallbeispiele, praktische Tipps zum Schutz vor Sextortion, Handlungsempfehlungen für Betroffenerechtliche Fakten und Informationen zu Anlaufstellen für Hilfe und Beratung.

Im Youth Panel Guide Jugendliche aus dem klicksafe-Jugendbeirat Tipps zum Thema Online-Sicherheit. Der Youth Panel Guide ist das Ergebnis mehrerer Workshops sowie Einzel- und Gruppeninterviews, in denen sich die Jugendlichen mit acht Online-Risiken beschäftigten und dazu Hilfestellungen erarbeiteten. Eines der behandelten Themen ist dabei sexuelle Gewalt im Internet.