Verstörende Vinted-AnzeigenWie können Jugendliche sich vor Falschmeldungen schützen?

Seit einigen Wochen kursieren Falschmeldungen zur Plattform Vinted in den sozialen Medien. Angeblich solle auf dem beliebten Verkaufsportal Kinderhandel stattfinden. Einige Videos zu diesen Falschmeldungen wurden millionenfach angesehen. Selbstverständlich kommen auch Kinder und Jugendliche, die auf Instagram, TikTok und YouTube unterwegs sind, mit diesen verstörenden Inhalten in Kontakt. Wir erklären, warum sich solche Falschmeldungen rasch verbreiten und wie wir Kinder und Jugendliche dabei unterstützen können, sie richtig einzuordnen.

Worum geht es bei den Falschmeldungen zu Vinted-Anzeigen?

In den sozialen Medien wurden Screenshots von Vinted-Anzeigen verbreitet. Bei Vinted handelt es sich um eine Verkaufsplattform, auf der Nutzer*innen Dinge verkaufen können, ähnlich wie auf den Portalen eBay oder Kleinanzeigen.de. Auf den Screenshots waren beispielsweise Kuscheltiere zu sehen. Diese wurden allerdings zu sehr hohen Preisen von mehreren tausend Euro angeboten. In den Produktbeschreibungen wurden zudem Angaben zu Größe, Geschlecht und Alter gemacht. Daraus ergab sich die Falschmeldung bei den Verkaufsanzeigen handele es sich in Wirklichkeit um Kinderhandel. Denn hier würden keine Kuscheltiere oder Puppen, sondern echte Kinder zum Verkauf angeboten.

Zum Zeitpunkt der Erstellung des Artikels (09. Juni 2026) lassen sich auf Instagram und TikTok zahlreiche Videos finden, in denen eindringlich vor einer angeblichen Gefahr auf Vinted gewarnt wird. Diese Videos haben teilweise mehrere hunderttausend oder gar Millionen Aufrufe. Die Creator*innen filmen sich darin meist selbst und drücken ihre Fassungslosigkeit über die angeblichen Verbrechen auf stark emotionalisierte Art aus. In vielen der Videos und auch in zahlreichen Kommentaren darunter lassen sich Anknüpfungen an verbreitete Verschwörungserzählungen finden. So wird beispielsweise das Ausbleiben von Beweisen für tatsächliche Verbrechen damit erklärt, dass eine geheime Elite im Hintergrund tätig sei und die Aufklärung dieser Straftaten verhindere.

Gibt es Belege für den tatsächlichen Verkauf von Kindern auf Vinted?

Bisher gibt es keine Belege dafür, dass hinter den Anzeigen Angebote von Kriminellen stecken, die Kinder zum Verkauf anbieten. Die Anzeigen sind jedoch echt und lassen sich teilweise auch noch auf Vinted finden. Daraus ergibt sich jedoch nicht, dass es einen tatsächlichen Handel mit Kindern gibt. Nach aktuellem Stand ist davon auszugehen, dass die seltsamen Anzeigen entweder fehlerhaft erstellt wurden – also beispielsweise der Preis aus Versehen viel zu hoch angegeben wurde – oder dass es sich um absichtlich provokante Fake-Anzeigen handelt. Genauere Hintergründe hat das Faktencheckerportal Mimikama zusammengetragen. Die Leser*innen erfahren hier auch, dass diese Art von Geschichten rund um angeblichen Menschenhandel auf Verkaufsplattformen kein neues Phänomen ist. Sie tauchten vielmehr über die Jahre in unterschiedlichen Ländern und zu unterschiedlichen Plattformen immer wieder im Internet auf.

Warum verbreiten sich solche Falschmeldungen rasend schnell?

Ein Blick auf die Abrufzahlen der Beiträge zu diesem Thema liefert eine erste Erklärung: Skandalisierende Themen erzeugen hohe Aufmerksamkeit. Gerade für monetarisierte Accounts, deren Inhaber*innen also durch Likes und Views Geld verdienen, ist das ein willkommenes Thema. Ob die Creator*innen tatsächlich der Überzeugung sind, auf eine reale Gefahr aufmerksam zu machen, oder ob sie bewusst Falschmeldungen verbreiten, kann von außen nicht beurteilt werden. Stark emotionalisierte Themen werden jedoch häufiger angeschaut und auch deutlich öfter von Nutzer*innen weiterverbreitet. Dadurch kommen wiederum mehr Menschen mit den Falschinformationen in Kontakt.

Auch Nachrichtenportale spielen eine wichtige Rolle. Diese setzen häufig auf Clickbait-Überschriften, die den Eindruck erwecken, an der Falschmeldung sei etwas dran. In den Artikeln selbst wird zwar meist korrekt berichtet, dass es keinerlei Hinweise auf tatsächliche Straftaten gibt. Wer allerdings nur schnell nach anderen Quellen sucht, stößt unter anderem auf folgende Überschriften: „Kinder-Handel? Polizei ermittelt zu Vinted-Anzeigen“ oder „Vinted-Anzeigen: Werden hier Kinder verkauft? Polizei ermittelt“ oder „Auffällige Anzeigen und Preise: Verdacht auf Kinderhandel bei Vinted - französische Justiz ermittelt“. Bei einer oberflächlichen Suche zu diesem Thema kann durch solche Überschriften rasch der Eindruck entstehen, es fände tatsächlich Kinderhandel statt. Seriöse Überschriften verbreiten diese Falschbehauptung nicht weiter, sondern entkräften sie direkt in der Überschrift, wie zum Beispiel hier: „Für den Verkauf von Kindern auf Vinted gibt es keine Beweise“.*

Podcast-Tipp

Wenn Sie sich dafür interessieren, wie sich Falschmeldungen verbreiten, empfehlen wir Ihnen unseren Podcast „klicksafe fragt… (16): Wie schaffen es Falschmeldungen in die Schlagzeilen?“. In dem Podcast sprechen wir mit Leonie Oehmig vom Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD Germany) über den „National Rape Day“-Hoax. Dieser ging im Jahr 2024 im deutschsprachigen Internet viral. Es gab zahlreiche Beiträge in den sozialen Medien, Internet- und Printmedien berichteten darüber und auch aus der Politik gab es Warnungen. Das Problem: Beim „National Rape Day“ handelt es sich um einen international bekannten Hoax, also um absichtlich verbreitete falsche Informationen, die Unruhe stiften sollen. 

→ Hier können Sie den Podcast anhören.

Wie können wir Jugendliche dabei unterstützen, mit Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen umzugehen?

Innerhalb kürzester Zeit verbreiteten sich Falschmeldungen über den angeblichen Verkauf von Kindern auf Vinted. Auch viele Kinder und Jugendliche sind auf den beliebten Social-Media-Plattformen damit in Kontakt gekommen. Das ist aus mehreren Gründen problematisch.

Einerseits können die Geschichten rund um den Verkauf von Kindern zu Zwecken sexueller Gewalt Ängste und Sorgen auslösen. Das Thema ist hochsensibel und sollte gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen ebenso sensibel kommuniziert werden. Viele der Videos sind allerdings reißerisch und nicht dazu geeignet, das Thema der sexuellen Gewalt gegen Kinder auf altersangemessene Weise zu behandeln. 

Hinzu kommt, dass viele dieser Videos verschwörungsideologische Elemente aufweisen. Institutionen wie „der Regierung“ oder „der Polizei“ wird abgesprochen, etwas gegen solche Verbrechen unternehmen zu können. Je nach Auslegung seien sie entweder nicht dazu fähig oder steckten gar mit den Verbrecher*innen unter einer Decke. Kinder und Jugendliche werden hier zu einem nicht durch Fakten gerechtfertigten Misstrauen gegenüber (demokratischen) Institutionen angeleitet, die angeblich vollkommen unfähig oder korrupt sind.

Diese Tipps können beim Einordnen von Falschinformationen helfen

Reißerische Überschriften kritisch beleuchten: Schockiert die Überschrift? Ist sie überraschend und löst starke Emotionen wie Angst oder Hass aus? Was auf den ersten Blick unglaubwürdig erscheint, ist es oft auch.

Kritisch sein und Quelle prüfen: Woher kommt die Information? Ist nachvollziehbar, wer die Nachricht herausgegeben oder verfasst hat? Sind im Impressum Name und Adresse angegeben? Ein Blick auf die Autorenschaft oder ins Impressum einer Website zeigt in der Regel, wer hinter dem Inhalt steht. Sind sie parteilich? Kennen sie sich aus? Welche Absichten verfolgen sie?

Fakten checken: Stimmt, was behauptet wird? Ist die Information wirklich korrekt? Haben andere, vertrauenswürdige Nachrichtenquellen dieselbe Meldung veröffentlicht? Vorsicht ist geboten bei Texten, die vor allem auf die Schlagzeile reduziert sind und außerdem viel Meinung und wenig Inhalt präsentieren. Wenn die Überschrift in der Suchmaschine keine Treffer von anderen seriösen Medien ergibt, ist die Meldung wahrscheinlich frei erfunden. Die Recherche wird durch spezielle Faktenchecker wie Mimikama.atCORRECTIV und ARD-Faktenfinder erleichtert. Einfach das Suchwort dort eingeben.

Auf die Aktualität achten: Wie aktuell sind die Informationen? Gerade bei wissenschaftlichen Studien, Umfragen oder Statistiken muss man darauf achten, dass die Informationen nicht allzu veraltet und womöglich schon längst überholt sind. In Suchmaschinen hilft ein voreingestellter Filter, der den Zeitraum der Ergebnisse einschränkt, um die neuesten Informationen zu einem Thema zu finden.

Bild oder Video unter die Lupe nehmen: Was ist zu sehen? Woher stammt das Bild oder Video? Sieht es unglaubwürdig aus, oder wurde es aus dem Zusammenhang gerissen? Für die Rückwärtssuche von Bildern eignet sich Google am Computer. Auf Smartphones und Tablets hilft zum Beispiel die App TinEye.

Falschinformationen melden: Auf den meisten Plattformen gibt es die Möglichkeit, irreführende Informationen zu melden. Diese Meldemöglichkeiten sollten auch Kindern und Jugendlichen bekannt sein, damit sie sie bei Bedarf nutzen können. Neben den Meldemöglichkeiten auf den Plattformen selbst, können illegale Internetinhalte auch unter www.jugendschutz.net/verstoss-melden oder www.internet-beschwerdestelle.de gemeldet werden.

Vertrauenswürdige Ansprechpersonen: Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche die Fähigkeiten vermittelt bekommen, mit Falschmeldungen und Verschwörungsideologien umzugehen. Allerdings sollten sie damit nicht allein gelassen werden. Im besten Fall verfügen sie in ihrem sozialen Umfeld über zuverlässige und kompetente Ansprechpersonen, an die sie sich wenden können und von denen sie Unterstützung erhalten. Darüber hinaus sollten Kinder und Jugendliche auch anonyme Hilfsangebote wie die „Nummer gegen Kummer” und „JUUUPORT” kennen.

* Bitte beachten Sie: Einige Überschriften, zum Beispiel die des WDR und der Tagesschau, wurden nachträglich geändert. In Suchmaschinen sind zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels noch die alten Überschriften indexiert und auffindbar. Das kann sich in Zukunft noch ändern.

Weitere Informationen zum Thema bei klicksafe