Idole im Netz? Problematische Inhalte bei Influencern

Unter dem Motto „Idole im Netz. Influencer und Meinungsmacht“ fand Anfang Februar der Safer Internet Day 2020 statt. In vielen Workshops, Vorträgen und Veranstaltungen wurde das Thema Influencer deutschlandweit behandelt und auch in den Medien fand der Safer Internet Day ein breites Echo. In der kritischen Auseinandersetzung mit Influencerinnen und Influencern liegt das Augenmerk meist auf deren Werbeeinnahmen bzw. der unter Umständen nicht gekennzeichneten Werbung, die in Posts und Videos enthalten sein kann. Darüber hinaus gibt es allerdings noch weitere problematische Inhalte und Tendenzen, für die Kinder und Jugendliche sensibilisiert werden sollten, damit sie ihre Idole im Netz kompetent und informiert einordnen können.

Wenn die politische Haltung zum Problem wird

Das meistgeklickte Video des Jahres 2019 in Deutschland war „Die Zerstörung der CDU“ des YouTubers Rezo. Wo üblicherweise Rap- und Comedy-Videos dominieren, hatte es auf YouTube erstmalig ein Video mit politischem Inhalt an die Spitze geschafft. Bisher ist das Video von Rezo eher die Ausnahme geblieben und reichweitenstarke Influencerinnen und Influencer wenden sich vergleichsweise seltener politischen Themen zu. Dabei gaben rund die Hälfte der Jugendlichen in einer nicht-repräsentativen Umfrage von klicksafe an, dass sie sich durchaus politische Inhalte von Influencerinnen und Influencern wünschen.

In den letzten Jahren war allerdings zu beobachten, wie Influencerinnen und Influencer aus dem identitären, völkischen und rassistischen Spektrum soziale Medien geschickt nutzen, um ihre Reichweite zu vergrößern. Im Rahmen einer Recherche zu "Antisemitismus online" von jugendschutz.net wurden knapp 5.000 Profile, Beiträge und Videos sowie ca. 100.000 Kommentare ausgewertet. Eine zentrale Erkenntnis: Antisemitismus ist kein Randphänomen, sondern nahezu allgegenwärtig. Verschwörungstheorien werden ebenso reproduziert wie antisemitische Stereotype.

Das Internetportal CORRECTIV beschreibt in einem Artikel anschaulich, wie zwei junge Aktivistinnen aus der Neuen Rechten von bekannten Szenegrößen gezielt als Identifikationsfiguren protegiert wurden und heute eine große Reichweite in sozialen Netzwerken erzielen. Ein immer wiederkehrendes Thema dieser Influencerinnen und Influencer ist die Behauptung, in Deutschland herrsche ein Meinungsdiktat, das es verbiete vom Mainstream abweichende Ansichten zu äußern. Dementgegen stilisieren sich die Influencerinnen und Influencer als letzte Bastion der Wahrheit, die sie über ihre Social-Media-Kanäle verbreiten. Dies geht einher mit Verschwörungstheorien, wie dem Narrativ vom „großen Austausch“ oder der Vorstellung, eine „Flutwelle“ von Migrantinnen und Migranten überschwemme Deutschland.

Für Kinder und Jugendliche ist es unter Umständen schwer zu unterscheiden, bei welchen Nachrichten es sich um gesicherte Fakten handelt und bei welchen lediglich um Behauptungen oder gar um Lügen. Im Umgang mit sozialen Medien benötigen sie Unterstützung, um die Quellen kritisch hinterfragen und richtig einordnen zu können.

Problematische Rollenbilder

Auch im Jahr 2020 zeigen erfolgreiche Influencerinnen und Influencer ein eher antiquiertes Rollenbild. Influencerinnen sind vor allem festgelegt auf als typisch weiblich wahrgenommene Themenbereiche wie Food, Fashion und Beauty, während Influencer in mit Männlichkeit assoziierten Bereichen wie Fitness und Gaming dominieren, oder als Experten für Wissens- und Politikfragen auftreten. Plan International hat in einer Umfrage herausgefunden, dass sich zwei Drittel der Userinnen und User auch nicht an dieser Darstellung von traditionellen Rollenmustern stören.

Der Grund für dieses Festhalten an etablierten Rollenbildern ist in den Wirkmechanismen von Social-Media-Portalen zu suchen. Der „Wert“ einer Influencerin oder eines Influencers bemisst sich nach den generierten Klicks und den Likes. Wer rollenkonforme Inhalte online stellt, generiert mehr Likes und steigert so seinen virtuellen Wert. In der Studie „Weibliche Selbstinszenierung in den Neuen Medien“ der malisa Stiftung sagt eine anonyme Youtuberin dazu: „Je plakativer das Klischee, umso besser wird es geklickt. Je mehr du einem gewissen Schönheitsideal entsprichst oder einer gewissen Erwartung, verdienst du natürlich besseres Geld“.

Problematisch ist dabei, dass sich etablierte Rollenmuster nur ändern können, wenn Kinder und Jugendliche in ihrer Umgebung Vorbilder finden, die ihnen Alternativen aufzeigen. Um nicht in Klischees von Mädchen, die sich schminken und Jungs, die Videospiele spielen stecken zu bleiben, kann es sinnvoll sein, Kindern und Jugendlichen mit anderen Inhalten vertraut zu machen, die nicht die immer gleichen Rollenmuster reproduzieren.

Einseitige Körperbilder

Die unterschiedlichen Rollenbilder, die für Männer und Frauen vorgesehen sind, prägen sich auch in den Körperbildern aus, die Influencerinnen und Influencer propagieren. Besonders im Bereich der Fitness-Influencer und -Influencerinnen zeigt sich eine starke Fokussierung auf den normierten Körper. Für Männer gilt dabei ein muskulöser Körper mit wenig Körperfett als erstrebenswert, bei Frauen ein überaus schlanker Körperbau. Beiden Körperbildern ist gemeinsam, dass sie in der Regel nur durch langwieriges Training und eine stark reglementierte Form von Ernährung erreich werden können. Eine Studie der Universität Witten / Herdecke kommt zu dem Schluss, dass von Influencerinnen und Influencern regelmäßig impliziert wird, die gewünschten Körperformen ließen sich mithilfe von Nahrungsergänzungsmitteln oder spezieller Sportkleidung die beworben werden, schneller erreichen.

Darüber hinaus wird suggeriert, ein normierter und durch Kontrolle und Willenskraft geformter Körper sei erstrebenswert und schön. Dieses Ideal zu erreichen, sei die Grundlage für ein glückliches und gesundes Leben und ein positives Selbstbild. Gerade bei Mädchen, an die das Ideal eines schlanken Körpers herangetragen wird, besteht die Gefahr, eine Essstörung zu entwickeln. Auch die Forscherinnen der Universität Witten / Herdecke warnen vor den etwaigen negativen gesundheitlichen Folgen: „Durch den intensiven täglichen Konsum von Social Media Inhalten werden Jugendliche maßgeblich in Haltung und Meinung zu gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen geprägt. Da Influencer nicht auf Gesundheitsförderung, sondern auf Einnahmengenerierung fokussiert sind, besteht ein Bedarf, Jugendliche in ihrer psychischen und physischen Entwicklung zu schützen und zu begleiten“.

Kindern und Jugendlichen sollte vermittelt werden, dass ein gutes und erfolgreiches Leben nicht von einem bestimmten Aussehen abhängt. Hierzu benötigen sie das Wissen darum, welcher Aufwand hinter dem Formen eines solchen Körpers steht, mit welchen Hilfsmitteln der Bildbearbeitung bei Posingbildern nachgeholfen wird und auch, welche gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen Unterernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungspräparaten haben können.