Videospielsucht und Abhängigkeit

Bei den meisten Kindern und Jugendlichen ist die Leidenschaft für spannende Videospiele ein Hobby unter vielen. Manche Erziehende sorgen sich allerdings, wenn sich ihre Kinder kaum vom Bildschirm lösen wollen und digitale Spiele den Alltag zu dominieren scheinen. Bei den meisten Kindern und Jugendlichen ist die Leidenschaft für spannende Videospiele ein Hobby unter vielen. Manche Erziehende sorgen sich allerdings, wenn sich ihre Kinder kaum vom Bildschirm lösen wollen und digitale Spiele den Alltag zu dominieren scheinen. Hier erfahren Sie, woran man ein problematisches Videospielverhalten erkennt.

Ab wann besteht eine Computerspielabhängigkeit?

Der ICD-Kriterienkatalog (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) definiert als weltweiter Standard verschiedenste Krankheiten. Mittlerweile ist hier auch die Computerspielabhängigkeit unter der Bezeichnung „Gaming Disorder“ zu finden. Der ICD-11-Katalog benennt für die Diagnose einer Gaming Disorder drei Kriterien:

  1. Kontrollverlust über das Spielverhalten: Wenn Personen selbst dann nicht aufhören zu spielen, wenn ein wichtiger Termin ansteht oder die Situation unangemessen erscheint.
  2. Vorrang von Spielen gegenüber anderen Interessen: Wenn sich Spielende von der Außenwelt abschotten und Freunde, Familie, Hobbys oder Pflichten vernachlässigen.
  3. Eskalation des Spielverhaltens trotz negativer Konsequenzen: Wenn es durch das Spielen in einem oder mehreren Lebensbereichen wie Schule, Beruf oder Gesundheit zu erkennbar negativen Konsequenzen kommt oder trotz persönlichem Leidensdruck nicht aufgehört werden kann.

Bedingung für eine Diagnose ist das Erfüllen der oben genannten Aspekte über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr sowie eine erhebliche Beeinflussung der persönlichen Lebensführung. Die episodische, teils auch problematisch erscheinende Faszination für ein digitales Spiel ist somit nicht gemeint.

Erkennen, ob die Gefahr einer Abhängigkeit besteht

Um einen ersten Eindruck zu bekommen, ob die Spiele-Nutzung Anlass zur Sorge gibt, können Tests bzw. Verhaltensbeobachtungen als Grundlage herangezogen werden. Dabei hilft die klicksafe-Checkliste "Besteht bei meinem Kind die Gefahr einer digitalen Abhängigkeit?".

Vorsicht: Diese sind nicht als diagnostische oder therapeutische Testinstrumente im klinischen Sinne zu verstehen. Sie dienen nur als Anregung, um über das Nutzungsverhalten nachzudenken und als Methode, um mit Heranwachsenden ins Gespräch zu kommen.

Bei Besorgnis sollten Sie im ersten Schritt die Erziehungsregeln anpassen und weitere Informationen einholen. Kommen Sie alleine nicht weiter, kann eine professionelle Beratung helfen.

Tipps für Eltern zum Thema digitale Abhängigkeit

Um einer Abhängigkeit vorzubeugen oder einen übermäßigen (noch nicht pathologischen) Gebrauch einzuschränken, können Sie sich an den allgemeinen klicksafe-Tipps für Eltern zur Nutzung von digitalen Spielen orientieren. Weitere Tipps zur Prävention und Intervention einer digitalen Abhängigkeit finden sich in der nachfolgenden Auflistung.

Prävention

Heranwachsende brauchen einen Rahmen

Schon mit jüngeren Kindern sollten Sie einen Zeitumfang für das Konsumieren von digitalen Spielen festlegen. Dieser Rahmen kann nach und nach dem Alter bzw. dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend angepasst werden. Mit älteren Kindern kann auch über Spielzeiten diskutiert werden. Schließlich sollen die Kinder lernen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und ihre Mediennutzung selbst zu regulieren.

Auch ein Mediennutzungsvertrag für die Familie oder Spielzeitkonten, über die Ihre Kinder verfügen können, haben sich vielfach bewährt.

Einmal getroffene Vereinbarungen sollten beiderseits verbindlich eingehalten werden. Die Konsequenzen für die Nichteinhaltung getroffener Vereinbarungen sollten ebenfalls gemeinsam verhandelt und festgehalten werden. So kann aus erzielten Kompromissen ein Leitfaden für den Umgang mit Medien in der Familie werden, an den sich alle Familienmitglieder halten. Scheuen Sie dabei keine Konflikte. Eltern haben das Recht, den Medienkonsum sinnvoll zu beschränken, auch wenn sich daraus Streit ergibt. Dies gibt Heranwachsenden Sicherheit. Begründen Sie Verbote, damit Ihr Kind sich ernst genommen fühlt und einsieht, warum Sie Grenzen setzen.

Haltung einnehmen

Selbst wenn alle anderen Eltern ein Spiel erlauben, heißt das noch lange nicht, dass Sie es ihnen gleichtun müssen. Hören Sie auf ihr Gefühl und beurteilen Sie die Kompetenzen Ihres Kindes mit Bedacht. Kann es verantwortungsbewusst mit den Verlockungen umgehen, ohne dass andere Verpflichtungen darunter leiden? Und welche Unterstützung braucht Ihr Sohn oder Ihre Tochter von Ihnen?

Schutz durch Technik

Um die Spielzeiten Ihrer Kinder im Auge zu behalten, können zusätzlich technische Schutzmaßnahmen verwendet werden, die in einigen Spielen, Betriebssystemen und Spielkonsolen bereits vorhanden sind. Auch bei Smartphones und Tablets können je nach Betriebssystem entsprechende Einstellungen vorgenommen oder passende Apps installiert werden (siehe Technische Schutzmaßnahmen). Allerdings sind solche Programme kein Rundum-Sorglospaket und erfordern dennoch eine Begleitung.

Vorbildfunktion wahrnehmen

Nutzen Sie die Gelegenheit, um über Ihr eigenes Medienverhalten nachzudenken. Durch die Art und Weise, wie Sie selbst mit Smartphone, TV und anderen Medien umgehen, können Sie ein Vorbild für Ihr Kind sein. Regen Sie eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Medienkonsum in der Familie an: Führen Sie mal gemeinsam ein Medientagebuch, in dem Zeiten, Bildschirmaktivitäten, Erfahrungen oder auch Gefühle zum Spielerleben notiert werden.

Alternativen bieten

Digitale Spiele sind ein Teil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und dürfen als Hobby darin ihren Platz haben. Sorgen Sie aber auch dafür, dass Ihre Kinder vielfältigen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, damit digitale Spiele und Internet keinen zu hohen Stellenwert einnehmen. Bieten Sie Anregung und Alternativen zum digitalen Spiel, um Selbstwirksamkeitserlebnisse im Alltag zu fördern, z. B. in Form gemeinsamer Unternehmungen oder Hobbys wie Sport, Musik und Treffen mit Freundinnen und Freunden. Diese Alternativen müssen jedoch für Ihr Kind interessant sein und Freude bereiten.

Intervention

Signale beachten und Haltung beziehen

Nicht jede durchspielte Nacht bietet Anlass zur Sorge. Achten Sie darauf, ob das Spielen zu Veränderungen, z. B. in Bezug auf schulische Leistungen, Kontakt zu Freunden, Freizeitaktivitäten oder Schlaf- und Ernährungsgewohnheiten führt. Sollten Sie dafür Anzeichen finden, ist es wichtig, im gemeinsamen Gespräch digitale Spiele nicht „zu verteufeln“. Viele betroffene Jugendliche erkennen nicht, dass ihr Verhalten problematisch ist und können die Folgen nicht überblicken. Machen Sie Ihr Kind im Gespräch auf Ihre Wahrnehmung aufmerksam und sprechen Sie ohne Vorwürfe und mit fundierter Haltung über die Medienangebote. Nur so erreichen Sie Ihr Kind. Und scheuen Sie nicht den Konflikt mit Ihrem Kind. Manchmal müssen Eltern auch Grenzen deutlich aufzeigen.

Nach den Ursachen fahnden

Suchen Sie nach den Gründen für den übermäßigen Konsum. Was fehlt Ihrem Kind im Alltag? Welche nicht befriedigten Wünsche und Bedürfnisse hat es? Wo liegen Sorgen und Probleme? Fehlen Halt und Anerkennung und wie können Sie das gezielt ändern? Fördern und gestalten Sie Freizeit- und Beschäftigungsmöglichkeiten in der Familie. Ermutigen Sie zuvor ausgeführte Hobbys wieder aufzunehmen. Aktivitäten, die Gruppenerlebnisse vermitteln, wie Mannschaftssport oder pädagogische Angebote in einer Jugendeinrichtung, bilden ein sinnvolles Gegengewicht zu virtuellen Erlebnissen.

Onlinetests nutzen

Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Spielenutzung Ihres Kindes besorgniserregend ist, können Sie verschiedene Tests bzw. Verhaltensbeobachtungen als Grundlage heranziehen. Diese sind jedoch nur als Anregungen gedacht, über das Nutzungsverhalten Ihres Kindes nachzudenken. Verwenden Sie diese Materialien auch, um mit Ihrem Kind ins Gespräch zu kommen. Eine gemeinsame, verständnisvolle Auseinandersetzung mit der Mediennutzung ist ein erster und wichtiger Schritt.

Hilfe suchen

Sollten Sie zu dem Schluss kommen, dass Ihr Kind stark gefährdet oder bereits abhängig ist, sollten Sie unbedingt weitere Informationen und professionelle Hilfe einholen. Lassen Sie sich dabei unterstützen, Ihr Kind aus der Medienabhängigkeit herauszuholen. Anlaufstellen sind z. B. Sucht- und Familienberatungen, Kliniken oder Psychologen. Lesen Sie in Internetforen die Berichte und Erfahrungen anderer Eltern oder Betroffener. Das hilft beim Verstehen und zeigt Ihnen, dass Sie mit der schwierigen Situation nicht allein dastehen.

Wo finde man Rat und Hilfe?

Beratungsstellen und Informationsquellen bei einer (vermuteten) Medienabhängigkeit

Fachverband Medienabhängigkeit
Der Fachverband Medienabhängigkeit setzt sich dafür ein, im Rahmen einer groß angelegten Kooperation ein Netzwerk von Forschern und Praktikern im deutschsprachigen Raum zu schaffen, die sich mit diesem neuartigen Krankheitsphänomen beschäftigen. Eine Übersicht zu Beratungsstellen in Deutschland bietet die Landkarte unter dem Punkt „Hilfe finden“.

Ambulanz für Spielsucht
Die Sabine M. Grüsser-Sinopoli Ambulanz für Spielsucht in Mainz bietet gruppentherapeutische Behandlungsangebote für das Störungsbild „Computerspiel- bzw. Internetabhängigkeit“. Auf der Internetseite finden sich zudem eine Checkliste für Eltern und ein Selbsttest.

Nummer gegen Kummer
Die Berater am Kinder- und Jugendtelefon von Nummer gegen Kummer wissen auch über die Faszination und Risiken von Computer- und Konsolenspielen Bescheid und verweisen bei Bedarf an Fachstellen. Das Kinder- und Jugendtelefon (in Kooperation mit klicksafe im CEF Telecom Programm der EU) ist anonym und kostenlos in Deutschland (Festnetz & Handy) erreichbar unter 0800 116111, montags bis samstags 14 – 20 Uhr, Beratung im Internet unter www.nummergegenkummer.de. Auch eine Beratung per E-Mail ist möglich. Das Elterntelefon ist unter 0800 111 0 550 montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr erreichbar.

Nutzungsverträge und weiterführende Informationen
Beispiele für Internetnutzungsverträge zwischen Eltern und Kindern finden sich hier. Mit dem Angebot www.mediennutzungsvertrag.de von klicksafe und Internet-ABC können Eltern und Kinder gemeinsam online einen Mediennutzungsvertrag erstellen. Der Vertrag kann in unterschiedlichen Design- und Regelvorlagen für die beiden Altersgruppen 6–12 Jahre und +12 Jahre angelegt werden. Für die zukünftige Bearbeitung kann der Vertrag gespeichert und über einen Zahlencode für Anpassungen jederzeit wieder aufgerufen werden. Das Internet-ABC gibt im Elternbereich viele Informationen und Tipps zu Computerspielen (und anderen Medien), u. a. auch zum exzessiven Spielen. In einem Artikel zum Thema „Computerspielsucht“ finden sich auch Links zu Onlinefragebögen und Selbsttests. 

Beratungsstellen

  • Bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) gibt es allgemeine Informationen zu verschiedenen Suchtformen und deren Behandlung www.dhs.de.
  • Der Arbeitskreis gegen Spielsucht e.V bietet Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppengespräche für Menschen mit Problemen im Umgang mit Glücksspielen, Wetten, PC/Internetgebrauch und deren Angehörige an www.ak-spielsucht.de.
  • Beratungs-, Vermittlungs- und Betreuungshilfen für (Medien-)Suchtkranke in Mecklenburg-Vorpommern gibt es von der Evangelischen Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbH www.suchthilfe-mv.de.
  • Die Fachstelle für exzessiven Medienkonsum (return) bietet Unterstützung und Begleitung für Personen, die aus exzessivem bzw. süchtigem Medienkonsum aussteigen wollen.
    www.return-mediensucht.de
  • ansprechbar ist die Suchtberatung für Jugendliche und junge Erwachsene der Drogenhilfe Köln  www.ansprechbar-koeln.de
  • Der Fachverband Medienabhängigkeit vernetzt Forscher und Praktiker im deutschsprachigen Raum. Eine Übersicht an Beratungseinrichtungen bietet die Landkarte unter der Rubrik "Hilfe finden".
  • Release Netzpause ist ein Beratungs- und Präventionsangebot für Stuttgarter junge Erwachsene und Jugendliche, die sich Gedanken um ihre Internetnutzung machen oder einen problematischen Internetkonsum aufweisen: www.release-netzpause.de.
  • Als Fachstelle für Sucht und Suchtprävention sowie mit dem Beratungs- und Präventionsangebot real.life - Kompetenter Umgang mit Medien stellt prisma e.V. Fachstelle Sucht und Suchtpräventionrisma für die Region Hannover ein Beratungsangebot zum problematischen und exzessiven Medienkonsum.