Was macht digitale Spiele so reizvoll?

Im Zusammenhang mit exzessivem Spielen bzw. Abhängigkeit werden immer wieder Online-Spiele genannt, darunter Rollen-, Strategiespiele und Shooter. Doch was macht diese Spiele so reizvoll, sodass manche Gamerinnen und Gamer die Balance zwischen Alltag und Spielkonsum verlieren? Die Gründe, weshalb Kinder und Jugendliche viel Zeit mit digitalen Spielen verbringen, sind vielfältig und werden in der Rubrik "Faszination" ausführlich dargestellt.

Darüber hinaus gibt es auch spezielle Merkmale, die zum Vielspielen anregen können, wenn Menschen nicht über eine ausreichende Fähigkeit zur Selbstregulation verfügen. Diese werden als "Bindungsfaktoren" bezeichnet und finden sich vor allem in Online-Games, darunter Rollen-, Strategiespiele und Shooter.

Bindungsfaktoren

Eskapismus: Die Verdrängung alltäglicher Sorgen

Gerade wenn Misserfolge und Frustrationen den Alltag eines Jugendlichen bestimmen, er oder sie sich gegenüber Problemen und Konflikten ohnmächtig fühlt, können digitale Spiele eine problematisch hohe Bedeutung einnehmen. Denn das Erleben von spannenden virtuellen Abenteuern kann als willkommene Ablenkung oder Belohnung dienen. In den Spielwelten erfahren sie ständig positive und angenehme Rückmeldungen. Jeder Sieg wird vom Spiel selbst gelobt und bei herausragenden virtuellen Erfolgen ist einem der Respekt von Freunden gewiss. Gefährdete Jugendliche missbrauchen so ihr Hobby, um immer wieder eine angenehme Gefühlslage herzustellen. In diesem Zuge lernen sie zunehmend weniger alternative Verhaltensmuster, wie z. B. angemessene Bewältigungsstrategien für frustrierende oder konfliktreiche Lebenssituationen. Denn Spielerfolg, und damit verbunden das angenehme Gefühl, stellt sich bei einer hohen Zeitinvestition viel eher ein.

Zwiespalt: Freunde im Spiel oder reale Verpflichtungen?

Gemeinsames Spielen macht viel Spaß. Erfolgsorientierte Gemeinschaften treffen sich mehrmals pro Woche, oft sogar täglich für jeweils einige Stunden. Damit verbunden ist auch ein gewisser Druck, teilnehmen zu wollen. Schließlich möchte man als verlässlich wahrgenommen werden und zu einem vereinbarten Termin pünktlich eingeloggt sein, um den festen Stammplatz in der Gemeinschaft nicht zu gefährden. Ein Freundeskreis toleriert es normalerweise, wenn sich jemand verspätet einloggt oder manchmal absagen muss. Eine auf das Online-Spiel beschränkte und erfolgsorientierte Gemeinschaft wird den Stammplatz vielleicht anderweitig vergeben oder Druck aufbauen.
Jugendliche können in einen Zwiespalt zwischen den Verpflichtungen gegenüber der Spielgemeinschaft und denen des Alltags, wie Hausaufgaben oder Sporttraining, geraten. Für manche Jugendliche stellt dies eine schwierige Gewissensentscheidung dar und sie geraten aus der Balance. Denn wenn die Spielgemeinschaft diesen inneren Konflikt zunehmend gewinnt, führt das zu dauerhaften Misserfolgserlebnissen im Alltag. Und den Frust versuchen gefährdete Jugendliche wiederum durch intensives Spielen zu verdrängen.

Spiele(n) ohne Ende

Filme und Bücher haben in der Regel ein Ende. Anders verhält es sich bei vielen Online-Spielen. Hier kann eine Spielrunde beliebig oft wiederholt werden. Und storybasierte Online-Games werden stetig weiterentwickelt und bieten immer neue Abenteuer. Viele sind zudem so angelegt, dass sie sich auch in Abwesenheit der Spielenden weiterentwickeln (persistente Spielwelten). Manchmal entstehen sogar negative Konsequenzen bei Abwesenheit, wie der Verlust von Belohnungen oder ein gegnerischer Angriff, auf den nicht reagiert werden kann. Aus Angst davor, den Anschluss zu verlieren oder etwas zu verpassen, kann sich ein Druck entwickeln, so oft wie eben möglich online sein zu wollen.

Streben nach Anerkennung

Wer bestimmte Spielerfolge vorweisen kann, erfährt Respekt und Bewunderung in der Online-Community. Dies kann z. B. ein mächtiges Schwert, eine wertvolle Sammelkarte oder der für alle erkennbare Rang einer Spielfigur sein. Solche Trophäen müssen meist hart erarbeitet oder mit Glück gewonnen werden, z. B. durch das Bewältigen komplexer, mehrstündiger Aufgaben oder dem ständigen Wiederholen einer Herausforderung. Zudem ist das Belohnungssystem sehr komplex aufgebaut und lässt sich nicht berechnen. Meist lässt ein noch viel wertvolleres Statussymbol nicht lange auf sich warten, dessen Besitz alle anstreben. Tappen Spielerinnen und Spieler in diese Falle und messen ihrem Status im Spiel eine hohe Bedeutung zu, geraten sie womöglich in eine zeitintensive Endlos-Schleife.

Virtuelle Stellvertreter

Fühlen sich Spielende im Alltag minderwertig, erfüllt die Spielfigur (Avatar) eine ganz besondere Funktion: Durch sie besteht die Möglichkeit mittelbar mit anderen in Kontakt zu treten und dient als eine Art Schutz vor persönlichen Verletzungen. Sie kann das verkörpern, was Spielenden zu fehlen scheint: Macht, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und ein hoher Status in der Community. Mit fortlaufender Spielzeit und steigender Anzahl gemeinsam erlebter Abenteuer bauen Spielende eine immer intensivere Beziehung zur Spielfigur oder der virtuellen Welt auf. Von dieser Beziehungsebene kann eine hohe Bindung und Motivation zum Weiterspielen ausgehen. Das Verbessern eines Avatars kann ebenfalls eine Ausweitung der Spielzeit fördern. Hierbei gilt: Zumeist werden für das Erreichen der ersten Stufe nur wenige Minuten benötigt, sodass auch ungeübte Spielerinnen und Spieler schnell Erfolge erzielen können. Allerdings steigt dieser Zeitaufwand im weiteren Verlauf an.

Bestenlisten

Auch durch den kompetitiven Vergleich in Form von Trophäen, Achievements, Tabellen oder Bestenlisten können Spielende unter einen gewissen Handlungsdruck geraten. Im Sportspiel kann man allerdings nur dann oben mitspielen oder sogar in die nächst höhere Liga aufsteigen, wenn entsprechend viel trainiert wird. Da die vom Spiel zugewiesenen Gegnerinnen und Gegner meist über eine ähnliche Spielpraxis und Fähigkeit verfügen, gilt auch hier: Die ersten Erfolge stellen sich meist schnell ein, doch an die Spitze kommen nur die Wenigsten – und das mit hartem und zeitintensivem Training.

Vorbilder

„Ich will einmal ein Profi-eSportler werden“. „Berühmte Streamerin auf Twitch zu sein ist mein Traum“. Solche Aussagen zum Berufswunsch fallen bei Jugendlichen häufig, denn sie suchen und finden ihre Idole im Internet und eifern ihnen nach. Doch die prominenten Stars aus der Gaming-Community beschäftigen sich professionell mit digitalen Spielen. Eine starke Identifikation, gepaart mit Fehleinschätzung hinsichtlich der eigenen Begabung, kann frustrieren und gleichzeitig eine entsprechend hohe Zeitinvestition nach sich ziehen. Zudem sind Online-Communities nicht altershomogen strukturiert. Wenn sich Heranwachsende mit Erwachsenen vergleichen und ihr Spielverhalten auf deren Konsumgewohnheiten abstimmen wollen, kollidiert dies mit den alltäglichen Anforderungen wie Schule und Beruf.

Das Spiel mit dem Glück

Manche digitale Spiele beinhalten Elemente, die an Glücksspiele erinnern. Statt den Fähigkeiten von Spielenden bestimmt der Zufall über die ausgeschüttete Belohnung. Die Diskussion hat mit der Mechanik von Lootboxen an Fahrt aufgenommen. Dies ist der englische Begriff für Beutekisten, die je nach Spiel mit Inhalten wie nutzbringenden Gegenständen, Figuren oder reinen Statussymbolen ohne Funktion wie optische Verschönerungen und Frisuren gefüllt sind. Diese können in der Regel erspielt, aber auch durch den Einsatz von Echtgeld erkauft werden. Der Inhalt ist dabei zufällig generiert, wobei besonders wertvolle Gegenstände entsprechend selten vorkommen. Oft erinnert auch die audiovisuelle Gestaltung an Spielhallenautomaten. Besonders problematisch ist der Aspekt, dass Spielende aufgrund der Unvorhersehbarkeit eine Vielzahl an Lootboxen kaufen müssen, bis schließlich das begehrte Etwas in den eigenen Besitz übergeht. Ähnlich den Losen auf dem Rummelplatz können diese Mechanismen auch als eine Art Gewinnspiel ausgelegt werden.

Vertiefendes Wissen zu diesem Themenbereich bietet die Expertise „Suchtfördernde Faktoren von Computer-und Internetspielen“ von Dr. phil. Hans-Jürgen Rumpf im Auftrag des Arbeitsstabs der Drogenbeauftragten der Bundesregierung beim Bundesministerium für Gesundheit aus dem Jahr 2017. Auf Basis der aktuellen Literatur wird eine Übersicht zu den Merkmalen, welche sich suchtfördernd auswirken, erarbeitet und zusammengestellt. Die Ergebnisse werden einer kritischen wissenschaftlichen Analyse und Bewertung unterzogen und Empfehlungen ausgesprochen.

EXKURS: Sind Lootboxen Glücksspiel?

Eine Definition des Glücksspiels findet sich gleichsam im Glückspielstaatsvertrag und im Strafgesetzbuch. Beide Gesetzestexte kennzeichnen sich allerdings durch eine differente Herangehensweise, weshalb die Frage nicht abschließend geklärt ist. Zudem unterscheiden sich Lootboxen stark voneinander. Beispielsweise hinsichtlich ihrer Funktionsweise, der Einbindung ins Spiel, den Kosten, der Gewinnausschüttung und ob diese überhaupt einen objektiven Wert besitzen, in den getauscht werden kann. Die für Alterskennzeichnungen zuständige Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) schätzt Lootboxen zwar nicht als Glücksspiel ein, rät allerdings allen Erziehungsverantwortlichen, solche Mechanismen bei der Medienerziehung kritisch zu hinterfragen und Regeln zu vereinbaren.