Wer bin ich? Die schwierige Frage nach der eigenen Identität

Bild verwendet mit persönlicher Genehmigung durch Heinz Abels

Bei der Suche nach der eigenen Identität geht es darum, ein individuelles Selbstverständnis zu entwickeln und sich in der sozialen Umwelt zu verorten. Für Jugendliche steht dabei in der Beschäftigung mit einem sich verändernden Körper, mit Sexualität sowie mit Männlichkeit und Weiblichkeit vor allem die Entwicklung einer Geschlechtsidentität (= Gender) im Vordergrund. Das Gefühl eines Menschen, sich als Mann, Frau oder auch dazwischen (intersexuell, transsexuell) zu erleben, ist Ausdruck des Persönlichkeitsrechts – ein individueller Anspruch auf Selbstverwirklichung. Diese Selbstverwirklichung kann jedoch nur über ein Sich-Ausprobieren gelingen. Jugendliche experimentieren, loten eigene Vorlieben und Grenzen aus und schlüpfen in verschiedene Rollen, um sich selbst zu finden. In der Jugend werden wesentliche Persönlichkeitseigenschaften und die Geschlechtsidentität entwickelt: ein Vorgang, der damit zu tun hat, wie man sich selbst in Bezug zu einem sozialen Umfeld sieht.

Die wichtigsten Einflüsse in diesem Prozess sind Familie, Freunde, Schule – und eben auch die Medien. Heranwachsende suchen während dieser Entwicklung nach entsprechenden Vorbildern, an denen sie sich orientieren können. Populäre Medien sind dabei zentrale Schauplätze, auf denen Jugendliche diesen Vorbildern begegnen: Hier werden Geschlechternormen verhandelt und Werturteile formuliert. Wenn diese medialen Zuschreibungen vielfältig und tolerant oder im Gegenteil einschränkend und stereotyp sind, hat das Einfluss auf die freie, individuelle Identitätsbildung der Jugendlichen.

Gedankenexperiment

Nehmen wir einmal an, wir dürften vor unserer Geburt entscheiden, wie das Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft nach unserer Geburt aussieht. Wir wüssten aber nicht, ob wir selbst als Frau, Mann oder als nicht geschlechtlich zuordenbarer Mensch geboren werden: Wie würden wir die Freiheitsspielräume der Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander bestimmen? Zu vermuten ist, dass sich die Mehrheit für eine faire Regelung entscheiden würde – schon aus Eigeninteresse. „Fairness“ heißt hier: gleiche Freiheitsrechte für jedes Geschlecht in Partnerschaft, Familie und Beruf. Denn ein solches Szenario würde am ehesten das Risiko minimieren, aufgrund des eigenen Geschlechts Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen. Jugendliche zu einem solchen Gedankenexperiment zu veranlassen, kann sie motivieren, sich gute Gründe für eine Gleichstellung der Geschlechter zu überlegen.