Auswirkungen von Desinformationen auf Jugendliche

In der Adoleszenz durchlaufenen Jugendliche Entwicklungs­phasen, in denen sich die Persönlichkeit und die Identität bilden. Hierzu gehören auch weltanschauliche Positionen und politische Meinungen. Die (politische) Sozialisation von Jugendlichen findet mittlerweile auch im Internet und über die sozialen Medien statt. Soziale Medien sind zu einem festen Bestandteil von Meinungsbildungsprozessen geworden. Sie durchdringen heute das Informations- und Kommunikationshandeln (nicht nur) Jugendlicher und junger Erwachsener in vielfältiger Weise. Neben den Informations- und Nachrichtenangeboten spielen hier auch die Kommuni­kation über Messenger-Dienste und der Austausch in den sozialen Netzwerken eine zentrale Rolle. Digitale Medien sind nicht zuletzt bei der Ablösung vom Elternhaus für Jugendliche wichtig, denn sie bieten Kommunikationsräume, in die ihre Eltern kaum Einblick haben.

In den sozialen Medien vermischen sich die öffentliche und die private Kommunikation. Sie schaffen eine neue Kommunikationsebene zwischen klassischen Massenmedien und der direkten Interaktion. Die Meinungsbildung Jugendlicher orientiert sich stark an ihrem sozialen Umfeld und der Peergroup, mit der sie auch permanent online verbunden sind.

Bandwagon Heuristic

In sozialen Netzwerken sind neben den Algorithmen vor allem Freunde und Bekannte die Gatekeeper zu den Informatio­nen. Erreichen eine Nutzerin oder einen Nutzer Nachrichten über seine sozialen Kontakte, erhöht dies tendenziell das Vertrauen in die Information. Die meisten Menschen halten Aussagen und Empfehlungen aus ihrem persönlichen Umfeld für glaubwürdig, egal ob im direkten Gespräch oder über soziale Netzwerke, insbesondere wenn die Verbreiter als sympathisch und kompetent wahrgenommen werden. Dieser Effekt, dass etwas, das von anderen als gut befunden wird, von einem selbst auch als gut beurteilt werden kann, wird als Bandwagon Heuristic beschrieben. Auch für das Vertrauen in inkorrekte Informationen kann dieser Effekt als möglicher Erklärungsansatz herangezogen werden.

Verunsicherung durch Desinformation

Gerade jüngere Menschen, deren Weltbilder sich erst formen, können durch Manipulationsstrategien und Desinformation nachhaltig beeinflusst werden. Während Jugendliche mit höherer Bildung mit den Angeboten im Internet in der Regel reflektiert umgehen können, sind besonders Jugendliche mit einer geringen Bildungsdisposition gefährdet, problematische Weltbilder zu entwickeln, die demokratischen Grund­ideen entgegenstehen – wie etwa ein Glauben an heimliche Eliten, die im Hintergrund "die Fäden ziehen". Die Shell Jugendstudie 2019 hat ermittelt, dass in dieser Gruppe Ju­gendlicher fast jede:r zweite:r populistischen Positionen zuneigt. Neben lebensweltlichen Gründen und dem Gefühl der Benachteiligung verstärken soziale Medien diese Tendenz.

Confirmation Bias

Ob wir etwas glauben und für möglich halten, hängt davon ab, welche Überzeugungen und Vorstellungen wir haben. Neue Informationen, die zu unseren Glaubens­grundsätzen passen, werden in unsere Vorstellungswelt integriert und für wahr gehalten, andere links liegen gelassen. Begegnen wir Informationen, die nicht in unser Überzeugungssystem passen, erleben wir mentalen Stress. Die Psychologie spricht dann von einer kognitiven Dissonanz. Um den Widerspruch auszugleichen, halten wir nur die Information für glaubwürdig, die unsere Meinungen bekräftigt, auch wenn sie falsch oder manipulativ eingesetzt sein sollte. Je geschlossener und einfacher ein Weltbild ist, umso eher entfaltet der Bestätigungsfehler seine Wirkung.