Wahrheit als Grundlage für Demokratie

In einer Demokratie geht die Macht durch politische Wahlen vom Volk aus. Zu einer freiheitlich demokratischen Grund­ordnung wie in Deutschland gehören u.a. Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und oberste Grundrechte, die unantastbar sind. Allen voran zählt dazu die Würde des einzelnen Menschen.

Da die Macht des Volkes durch Wahlen ausgeübt wird, sind Meinungs-, Presse- und Rundfunkfreiheit in einer Demokratie konstitutiv. Sie sind die Voraussetzung für die freie individuelle Meinungsbildung und die politische Willensbildung ihrer Bürgerinnen und Bürger und somit für fundierte Wahlentscheidungen.

Werden vermehrt Unwahrheiten oder Falschbehaup­tungen verbreitet und Tatsachen immer wieder angezweifelt, stiftet das Unsicherheit und Verwirrung und entzieht einer Gesellschaft die Grundlage, sich auf der Basis von Fakten und Beweisen auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen für die drängendsten Probleme der Gesellschaft zu suchen. Es bedarf also eines Interesses an der Wahrheit.

Was ist Wahrheit?

In der Philosophie wurde der Begriff der Wahrheit seit der Antike vielfach diskutiert. Mittlerweile wissen wir: Die objektive Wahrheit existiert nicht, sie ist ein Ideal, also ein Wert, der angestrebt wird. Wir haben hierfür Regeln und Bezugssysteme vereinbart, die jedoch kulturell und historisch divergieren können, abhängig vom Wissensstand der jeweiligen Gruppe oder der Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit. Während früher als wahr galt, dass die Erde eine Scheibe ist, ist diese Vorstellung heute widerlegt und durch andere Wissenssysteme ersetzt. Das heißt: Wahrheit ist an ein Referenzsystem gebunden, in früheren Zeiten war die Religion das dominante Referenzsystem, heute ist es die Wissenschaft. Ohne ein konsensfähiges Referenzsystem können wir uns nicht auf „Wahres“ und „Falsches“ intersubjektiv einigen.

Wir erleben derzeit einen Trend zu einer post-wahrhaftigen Phase. Tatsachen und das Referenzsystem der Wahrheit, die Wissenschaft, verlieren an Bedeutung. Galt vormals: Über Meinungen kann man streiten, aber nicht über Tatsachen, so gilt jetzt, zum Beispiel für Politiker:innen wie Donald Trump: Über Tatsachen lässt sich streiten. Doch wenn man Tatsa­chen negiert, was ist das anderes als eine Lüge?

Wenn Wahrheit als absoluter Wert negiert wird und jeder sich seine eigene Wahrheit und damit seine eigenen Fakten schafft, gibt es keine Möglichkeit mehr, sich verständigungs­orientiert miteinander auszutauschen oder einen Konsens zu bilden. Und noch mehr: Wem die Wahrheit egal ist, der manipuliert Aussagen über Fakten so, dass sie den eigenen Interessen dienen. Dieses Handeln ist unethisch und unsozial.