Formen von Hate Speech

Hate Speech greift eben jene Macht- und Diskriminierungsverhältnisse auf, die in unserer Gesellschaft – auch im analogen Leben – verbreitet sind: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus, Sexismus sowie Homo- und Transphobie. Im Nachfolgenden wird erläutert, wie Hate Speech sich im Kontext dieser Diskriminierungsverhältnisse äußern kann. Die genannten sprachlichen und inhaltlichen Muster sind dabei in der Regel insgesamt typisch für das Phänomen Hate Speech und treffen insofern nicht nur auf eine, sondern in der Regel auf mehrere Formen zu.

Die Aufzählung erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, auch andere Strukturen wie Antiziganismus (Diskriminierung von Sinti und Roma), Ableismus (Behindertenfeindlichkeit), Klassismus (Vorurteile aufgrund der sozialen Herkunft), Lookismus (Diskriminierung aufgrund des Aussehens) etc. spielen eine Rolle. Verschiedene Formen der Abwertung sind im Einzelfall nicht klar zu trennen, sondern eng miteinander verwoben. Mehrfachdiskriminierung muss immer mitgedacht werden.

Formen von Hate Speech

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Im Kontext der weltweiten Flüchtlingskrise und der damit verbundenen Debatte über Zu- und Einwanderung nach Deutschland haben rassistische und fremdenfeindliche Hassreden im Netz massiv an Intensität gewonnen. Das Internet wirkt hier wie ein Megafon: Die Anzahl der Hater mag (immer noch) relativ gering sein, ihre permanente Sichtbarkeit erweckt aber den Anschein einer breiteren Bewegung. Dies kann wiederum rassistischen Taten und rechtsextremen Gruppierungen im analogen Leben Auftrieb geben. 

Das ist auch indirekt möglich – beispielsweise durch die Verbreitung uninformierter oder falscher Aussagen, die rassistische Stereotype bedienen, wie die vom „Sozialschmarotzertum“. Rassistische Aussagen tarnen sich dabei nicht selten als Humor oder Ironie.

Zu den wiederkehrenden Motiven rassistischer Hate Speech gehört auch, Debatten über sexualisierte Gewalt gegen Frauen zu instrumentalisieren. In der Forderung „unsere Frauen“ vor „denen“ zu schützen, zeigt sich exemplarisch die für Hate Speech typische Wir/Die-Rhetorik. Lückenhafte Informationen, Gerüchte über Straftaten und eine einseitig rezipierte bzw. subjektiv gefilterte Berichterstattung in der eigenen Filterblase verdichten sich hier zu einem verschwörungstheoretischen Weltbild. Abweichend und differenziert berichtende Medien werden dann schnell zur „Lügenpresse“ degradiert.

Neben diesen eher indirekten Formen äußert sich Hate Speech in direkter Form im Aufruf zu konkreten Gewalttaten gegen Flüchtlinge oder nicht Herkunftsdeutsche. In beiden Formen – der direkten wie auch der indirekten – tragen Hassreden zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das rassistischen und rechtsextremen Personen und Gruppierungen das Gefühl gibt, im Sinne und als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit zu handeln. Ein Gradmesser dieser Stimmung sind die aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes: So haben sich die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte 2015 gegenüber dem Vorjahr verfünffacht. Insgesamt zählt das Bundeskriminalamt 1005 Attacken, 901 mit klar rechtsradikalem Hintergrund (Die Ergebnisse des internen BKA-Berichtes: www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlingsheime-bundeskriminalamt-zaehlt-mehr-als-1000-attacken-a-1074448.html).

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus

Eng verbunden mit Rassismus im Allgemeinen sind Hassreden, die Menschen aufgrund ihrer Religion angreifen und abwerten. Besonders auffällig sind hier antisemitische und antimuslimische Stimmen. Die Phänomene unterscheiden sich in Geschichte und Inhalt voneinander und sollen hier nicht gleichgesetzt werden. Gemein ist ihnen aber, dass sie Religion oder Kultur nur als Vorwand nutzen, um Menschen – unabhängig von tatsächlicher Religiosität und religiöser Praxis – abzuwerten. Die Grenzen legitimer Religionskritik sind in beiden Fällen weit überschritten.

Antisemitismus ist in der deutschen Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet; rund ein Fünftel der Bevölkerung vertritt, dem Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestags (2012) zufolge, latent antisemitische Einstellungen. Stark zugenommen haben in den letzten Jahren antimuslimische Einstellungen – und das nachweislich nicht nur am rechten Rand oder in rechtsextremen Szenen, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten. Im Netz wird diese Stimmung aufgegriffen und verstärkt. Ganze Themenblogs widmen sich der Hetze gegen Menschen muslimischen Glaubens oder diffamieren Verbände und Moscheegemeinden ebenso wie nicht in religiöser Funktion auftretende Politiker/-innen wie etwa Cem Özdemir oder Aydan Özoguz.
Die Sozialen Netzwerke und Kommentarspalten von Online-Medien sind voll mit jahrhundertealten Stereotypen einer drohenden Islamisierung. Sie greifen dabei stark auf eine besonders plakative Bildsprache zurück – ebenfalls typisch für das Phänomen Hate Speech. Auch Jugendliche können direkt von dieser Art der Hassrede betroffen sein. Bleibt sie unwidersprochen, erzeugt sie bei Jugendlichen oft das Gefühl, aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit oder familiären Herkunft ausgrenzt, abgelehnt und nicht respektiert zu werden.

Sexismus

Sexismus bezeichnet die Diskriminierung und Abwertung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Laut repräsentativer Studien des Bundesfamilienministeriums (2004) und der Europäischen Grundrechteagentur FRA (2014) erleben 50 bis 60 Prozent der Frauen in Deutschland dies in Form von sexueller Belästigung in der Öffentlichkeit, in Job und Schule oder im sozialen Nahraum – viele bereits ab dem Jugendalter.
Das Internet bildet hier keine Ausnahme. Gerade junge Nutzerinnen erleben dort häufig sexistische Angriffe. Dazu gehören degradierende Sprüche und sexuell explizite Beleidigungen, die Androhung oder Befürwortung sexualisierter Gewalt bis hin zur Veröffentlichung von echten oder auch digital manipulierten Nacktaufnahmen. Häufig treten die Drohungen in solch konzentrierter Form auf, dass von einer Verabredung der Hater zu einer Art „Hass-Gruppe“ auszugehen ist. Oft sind Frauen betroffen, die sich als Politikerin, Bloggerin, Aktivistin oder Journalistin politisch äußern. Sie erleben eine andere Art der Kritik als ihre männlichen Kollegen, werden häufiger anhand ihres Aussehens bewertet oder in ihrer sexuellen Integrität angegriffen. Bespielhaft dafür sei der Hass genannt, der der Journalistin Anja Reschke nach einem Tagesthemen-Kommentar über Fremdenfeindlichkeit in der Flüchtlingskrise entgegenschlug. (Kommentar „Dagegen halten – Mund aufmachen“, Tagesthemen 05.08.2015. Aufrufbar in der NDR-Mediathek.)
Aber auch Mädchen und junge Frauen, die das Netz ganz alltäglich nutzen und zu Recht auch als ihren digitalen Lebensraum verstehen, können zur Zielscheibe sexistischer Hate Speech werden, sobald sie sich dort öffentlich äußern.

Homo- und Transphobie

Diskriminierung aufgrund der geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung trifft auch transsexuelle, intersexuelle Personen und Transgender oder Homosexuelle. Hier sind Jugendliche in der Phase der Identitätsfindung besonders gefährdet, Opfer von Anfeindungen, Abwertung und kollektiver Gewalt zu werden. Die Übergänge zu Cyber-Mobbing sind fließend (siehe "Hate Speech und Cyber-Mobbing").

Genauso verunsichert Jugendliche eine indirekte, allgemein gegen diese Gruppen gerichtete Hetze. Sie kann ihnen das Selbstwertgefühl nehmen, das sie gerade in dieser Phase für einen selbstbestimmten Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität brauchen. Zentrale Elemente homophober Hate Speech sind etwa Verschwörungstheorien einer staatlich forcierten Umerziehung, einer organisierten „Werbung“ für Homosexualität und einer mächtigen „Homo-Lobby“. Auch die Gleichsetzung des nicht Gleichsetzbaren – Homosexualität wird mit pädosexueller Kriminalität, Inzest oder Sodomie in Verbindung gebracht – ist ein zentrales Motiv von Hate Speech.

Politisch Aktive

Die geschilderten Muster der Hassrede können auch jene treffen, die zwar selbst nicht einer der genannten Gruppen zugeordnet werden, aber online und offline gegen Menschenfeindlichkeit eintreten oder sich zivilgesellschaftlich engagieren: Flüchtlingshelfer/-innen, feministische und rassismuskritische Aktivist/-innen oder Politiker/-innen. Sie werden nicht selten selbst zum Ziel hasserfüllter Kommentare, Beleidigungen und Drohungen. Aber auch Jugendliche, die sich mit klarer Haltung in Debatten einmischen, können Anfeindungen ausgesetzt sein.

Quelle: Broschüre "Hate Speech - Hass im Netz"