Mädchen sehen die Chance,
an einer wirkmächtigen Bewegung teilzuhaben


Ein Interview mit der Kommunikationswissenschaftlerin und Pädagogin Silke Baer
von cultures interactive

Frau Baer, ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf gendersensiblen Ansätzen in der Jugendarbeit. Welche Rollenbilder sehen salafistische Gruppierungen für Frauen und
Mädchen vor?

Auf ideologischer Ebene sind die Rollenangebote und Rollenverteilungen in salafistischen Gruppierungen geschlechtsspezifisch ausgerichtet und orientieren sich an traditionellen, vormodernen Vorstellungen, die Frauen vor allem als Akteurinnen im privaten/familiären Raum und Männer aktiv im öffentlichen Raum sehen. Auf der Handlungsebene sehen wir aber, dass junge Frauen – ähnlich wie im Rechtsextremismus – sich in verschiedenen Sphären aktiv als politisch handelnde Akteurinnen und Akteuren engagieren. Salafistische Mädchen und Frauen agieren als Öffentlichkeitsarbeiterinnen oder Übersetzerinnen von Informationsmaterialien zu Propagandazwecken, als streitbare Diskutantinnen in den „weicheren“ gesellschaftlichen Kampfarenen des Internets oder in Fernsehtalkshows. Eine manifeste geschlechtsspezifische Rollenzuweisung findet vor allem für junge Frauen statt, die in die vom IS okkupierten Gebiete in Syrien und Irak ausreisen. Dieser wirbt Mädchen mit dem „romantischen“ Angebot an, Gefährtinnen und Ehefrauen von „ heldenhaften Soldaten“ des Kalifats zu werden.

Die Realität ist natürlich eine ganz andere. Darüber hinaus werden Frauen in salafistischen Gruppierungen mitunter in terroristische Anschläge eingebunden, fungieren als Botinnen, Einkäuferinnen oder auch als Selbstmordattentäterinnen. Ihnen fällt es leichter, die Fahndungsraster der Sicherheitsbehörden zu umgehen. Denn es wird unter anderem wirksam, was in der Rechtsextremismusforschung schon länger als Phänomen der „Genderblindheit“ bekannt ist, nämlich dass staatliche und nichtstaatliche Akteure weitgehend dazu neigen, die Bereitschaft von Mädchen und Frauen zu Gewalt und Gruppenhass auszublenden – nicht zuletzt weil Gewalt nach wie vor mit „Männlichkeit“ assoziiert wird.

Was macht Salafismus für junge Frauen dennoch attraktiv?

Hinwendungsmotive zu extremistischen Szenen sind immer sehr individuell zu betrachten, es sind eine Reihe von unterschiedlichen Faktoren wirksam. Um hier einiges Spezifische für den Bereich Salafismus zu nennen.

Zum Beispiel persönliches Empowerment für muslimische Mädchen: Ein emanzipiertes Leben gilt auch in westlichen Gesellschaften für manche muslimische Frauen nur mit Einschränkungen, beziehungsweise wenn deren Lebensweise öffentlich vielfach kritisch und auf paternalistische Weise diskutiert (zum Beispiel die sogenannte Kopftuchdebatte) wird. Salafistische Bewegungen geben dagegen vor, ein Angebot zu haben, dass Männern wie Frauen eine wichtige Bedeutung

im Kampf um den „wahren Islam“ zuspricht. Oder politisches Empowerment und Mitwirkung an einer Gesellschaftsvision: Mädchen (muslimisch sozialisierte aber auch Konvertitinnen) sehen die Chance, an einer wirkmächtigen Bewegung teilzuhaben. Salafismus verspricht die Errichtung eines weltumspannenden Kalifats und damit eine individuelle und kollektive Aufwertung von Musliminnen und Muslimen. Wichtig ist auch das Angebot einer scheinbaren Lösung bezüglich persönlicher Gender-Identitäts-Dilemmata: etwa Widersprüche zwischen familiären und gesellschaftlichen Ansprüchen gegenüber der Rolle als Frau in muslimischen Kontexten.

Wie und durch welche Angebote werden Frauen gezielt angesprochen?

Es gibt Internetforen, die sich speziell an muslimische Frauen wenden und konkret darauf eingehen, wie genau Frauen sich am militanten Dschihad beteiligen können. Durch Videos im Internet, Blogs oder islamistische Kampfhymnen dockt etwa der IS gezielt an den Lebenswelten Jugendlicher an. Er propagiert dabei eine starke Geschlechterrollenaufteilung, verbindet diese aber mit dem Heilsversprechen der persönlichen Aufwertung für Frauen und Männer, die jeweils ihren eigenen wichtigen Platz in einer salafistischen Gesellschaft hätten beziehungsweise bekommen sollten. Zur Rekrutierung neuer Anhängerinnen nehmen beispielsweise junge Männer, die sich als unerschrockene Recken des „Kalifats“ präsentieren, über das Internet Kontakt zu Mädchen auf. Salafistische Mädchen wiederum werden in der Schule, im Jugendklub oder in der Moschee als Bekehrerinnen für eine streng traditionalistische Lesart des Islam aktiv oder bilden eigene salafistische Mädchengruppen in Moscheegemeinden.

Worauf ist bei Präventionsarbeit für junge Frauen besonders zu achten? Welche Möglichkeit zur Intervention gibt es?

Das wichtigste ist, junge Frauen in salafistischen Szenen in ihrer Bedeutung nicht zu übersehen und spezifische Angebote für sie vorzuhalten. Die oben erwähnten Motive der Hinwendung von jungen Frauen geben bereits thematische Hinweise für eine gelungene Präventions- und Distanzierungsarbeit. Dazu gehören etwa geschlechtsspezifische Beratungen für muslimische Mädchen/Frauen, persönliche Stärkung über Mädchenarbeit und Mädcheneinrichtungen, Beratungsangebote im Kontext familienorientierter Hilfen, Elternberatungen, denen es gelingt, auch Väter anzusprechen, oder Interventionsmöglichkeiten, zum Beispiel in salafistische Mädchengruppen in Moscheegemeinden hinein.