Jugendliche und SVV

Studien zeigen, dass selbstverletzendes Verhalten (kurz "SVV") immer häufiger auch im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Erscheinung tritt. Der Beginn dieses Verhaltens liegt meist im Alter von 13 - 16 Jahren. Die Pubertät als emotional sehr angespannte Phase ist dabei oft ein Auslöser. Etwa 10 % der Jugendlichen ab 14 Jahren sollen sich schon einmal selbst verletzt haben, etwa die Hälfte von ihnen wiederholt. Mädchen sind dabei häufiger betroffen als Jungen (Quelle: Petermann & Winkel (2007)).

SVV bei Jugendlichen ist keine harmlose Modeerscheinung und keine zu vernachlässigende pubertäre Phase. Es ist als ernst zu nehmendes Zeichen einer krisenhaften Entwicklung zu sehen. Die Verhaltensweisen treten zudem meist in Verbindung mit Depressionen, Suizidgedanken oder Essstörungen auf und können ein Hinweis darauf sein, dass eine seelische Erkrankung vorliegt und die Abklärung mit dem Hausarzt oder einem Experten notwendig ist.

Bei Heranwachsenden gehen den Handlungen intensive innerer Anspannungen und Belastungen voraus. Das Verhalten dient dem Abbau psychischer Spannungen, der Reduktion von Wut, Angst und anderen depressiven Gefühlen. Es bringt zunächst eine kurzfristige Entlastung. Nach dem Akt der Selbstverletzung treten zeitweilig positive Gefühle der Kontrolle, Ruhe und Entspannung auf. Langfristig steigt der Druck zu erneuter Selbstverletzung jedoch wieder, da die eigentlichen Probleme weiterhin ungelöst sind. SVV wird durch die „positive“ Erfahrung der inneren Entlastung zur andauernden Problemlösungsstrategie und erzeugt eine Art Sucht: auf Anspannung erfolgt jeweils Entspannung. Es findet eine Gewöhnung statt, die immer extremere Selbstverletzungen nach sich zieht (tiefere Schnitte, großflächigere Verbrennungen), um den gesuchten inneren Spannungsabbau zu erreichen. Die Gefahr von ungewollten schweren Verletzungen ist groß.

In der Regel liegen dem Verhalten keine Suizidabsichten zugrunde. Im weiteren Verlauf kann es aber zu suizidalen Gedanken kommen, wenn die Jugendlichen keine Unterstützung erfahren.

Auf dieser Seite verwendete Quellen:

Petermann, F.; Winkel, S. (2007): Selbstverletzendes Verhalten. Diagnostik und psychotherapeutische Ansätze. In: Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 55:2,  S. 123-133.
https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/1661-4747.55.2.123