Was kann schief gehen? Risiken und Nebenwirkungen von Sexting

Mehrheitlich führt Sexting nicht zu Problemen. Aber man darf nicht unerwähnt lassen, dass bei Sexting auch einiges richtig schief gehen kann. Einer der problematischen Aspekte bei Sexting ist, dass man nie ganz sicher sein kann, ob die Aufnahmen nicht doch unerlaubt an Dritte gelangen.

Intimer Verrat – warum kann Sexting schief gehen?

Drei Beispiele:

  1. Nele schickt ihrem Freund Steve ein Video von sich, auf dem sie nackt zu sehen ist, als beide sehr verliebt ineinander sind. Ein bisschen mulmig ist ihr schon dabei, aber sie schickt es Steve, weil er darauf beharrt: „Zeig mir, dass Du mich liebst“, schreibt er. Einige Monate später trennen sich Nele und Steve, weil sie sich auseinander gelebt haben. Für Steve kommt die Trennung unerwartet und ungewollt. Er ist traurig und verbittert. Schon bald hat Nele einen Neuen, das verletzt ihn umso mehr. Er droht Nele „Ich schwör, ich schick das Video an alle. Ich mach dich fertig. Die ganze Schule wird sehen, was für eine Bitch du bist!“. Steve macht ernst und verschickt das Video an Freunde, die es weiterleiten.
  2. Michael macht für seine Freundin ein sexy Bild, als diese im Schüleraustausch ist. Er hat große Sehnsucht nach ihr und sie nach ihm. Beim Sportunterricht lässt seine Freundin, die inzwischen wieder vom Austausch zurück ist, ihr Handy in der Umkleide offen liegen. Eine Klassenkameradin findet das Gerät, ist neugierig und kann es im Nu entsperren. Sie findet die Aufnahme von Michael beim Stöbern im Handy. Sie schickt sich die Aufnahme schnell selbst über WhatsApp zu und versendet das Bild auch an die Klassengruppe. Michael und seine Freundin sind total geschockt, als sie es erfahren und machen sich gegenseitig Vorwürfe.
  3. Jenny und Laura machen zusammen sexy Dessousbilder in der Umkleide. Danach schicken sie sich die Aufnahmen gegenseitig per Facebook. Einige Monate später erfährt Laura, dass ihr Facebook-Account gehackt wurde. Sie hat nun große Angst, dass die Aufnahmen auf Facebook erscheinen.

In jedem Fall hat missglücktes, sekundäres Sexting schlimme Folgen für die betroffenen Personen. Es kann, wie im ersten Beispiel, auch mit einem intimen Verrat verbunden sein. Man hat ein Bild im Vertrauen verschickt und im Glauben, dass der andere es sorgsam behandelt. Man rechnet zum Zeitpunkt des Versendens einfach nicht damit, dass es schief gehen kann.

Und nicht immer ist der Empfänger des Bildes, wie im zweiten Beispiel auch dafür verantwortlich, dass die Aufnahmen in Umlauf geraten sind. Im zweiten Fallbeispiel „mischt“ sich ein Dritter ein, der die Aufnahmen unerlaubt an sich nimmt und weiterschickt. In beiden Fällen handelt es sich aber um Straftaten, wenn die Aufnahme weitergeleitet wird. Wichtig ist: Wenn so etwas passiert, dann ist die betroffene Person nicht selbst schuld. Nicht das Erstellen eines sexy Bildes ist anzuprangern (nach dem Motto „Wer so ein Bild macht ist selber schuld.“), sondern das Weiterleiten ohne Erlaubnis!
Es kann auch vorkommen, dass eine anonyme Person sich der Bilder bemächtigt, wie in Beispiel drei, wenn ein Account gehackt wird. Auch das ist eine Straftat und Betroffene müssen dann unbedingt handeln.

Gründe für das Weiterleiten eines fremden Bildes

Wieso schickt man ein Bild weiter, das einem nicht gehört, wenn man dem anderen damit nur schaden kann? Fragt man Jugendliche, warum sie ein sexy Bild ohne Erlaubnis des darauf Abgebildeten weitergeben, dann nennen sie zum Teil triviale Gründe:

  • Spaß,
  • dass andere die Aufnahme auch sehen wollten,
  • weil man den anderen auf dem Bild nicht (mehr) mag oder
  • als Racheakt, oder
  • um anzugeben.

Es zeigt sich, dass viele junge Menschen kein Unrechtsempfinden haben, wenn es um die Weitergabe von fremdem Bildmaterial geht. Dabei verstärken sie das Leid des Betroffenen mit jedem Klick auf den „Senden“-Button. Jeder könnte den Prozess auch aufhalten und NEIN sagen. Oft machen sich die Beteiligten keine oder wenig Gedanken über die Tragweite ihres Handelns. Auf diesen Punkt sollte in der der Präventionsarbeit zu diesem Thema unbedingt ausführlich eingegangen werden.

Victim Blaming – man ist nicht selbst schuld!

„Wer so ein Bild macht, ist selber schuld“ – diesen Satz hört man immer wieder. Eine zu große Anzahl an Menschen findet immer noch, dass die Schuld bei missglücktem Sexting bei den Betroffenen zu suchen ist. Dabei spricht man vom sogenannten „Victim Blaming“ (engl. = Opfer-Beschuldigung). Das Phänomen beschreibt, dass dem Opfer (in dem Fall der Person, die sich sexy fotografiert hat, und deren Bild nun ungewollt im Umlauf gerät) die Schuld an der Entwicklung zugesprochen wird. Doch diese Sicht ist nicht nur aus menschlicher, sondern auch aus rechtlicher Sicht falsch. Nicht wer ein sexy Bild von sich schießt, macht sich strafbar, sondern wer es unerlaubt weitergibt. Man muss dieser Haltung bzw. dem "Victim Blaming" geschlossen und konsequent entgegen treten – als Jugendliche, als Eltern, als Pädagogen und Lehrkräfte. Für die Betroffenen verstärkt sich durch die Schuldzuweisung der Leidensdruck umso mehr, weil die Angst besteht, dass auch Erwachsene und potenzielle Helfer diese Ansicht teilen könnten.

Geschlechterstereotype – wir bewerten unterschiedlich…

Man hat den Eindruck, dass Mädchen häufiger die Erfahrung machen, dass sexy Aufnahmen ungewollt in Umlauf geraten. Ist das wirklich so? Empirisch ist es nicht belegt. Zudem scheint es so, als würden Fälle, in denen Mädchen betroffen sind, anders, strenger und intoleranter bewertet als die von Jungen. Warum ist das so? Man kann davon ausgehen, dass die öffentliche Meinung bzw. unsere vorhandenen medialen und traditionellen Geschlechterrollenerwartungen diese Bewertung mitsteuern.

Tradierte Rollenbilder
In unserer Gesellschaft bestehen nach wie vor sehr tradierte Vorstellungen, wie sich Jungen und Mädchen, bzw. Männer und Frauen verhalten und was man von ihnen erwartet.

Erwartungen an Mädchen
Eine weit verbreitete Ansicht ist, dass Frauen einerseits sexy sein sollen. Das wollen und dürfen sie auch sein, es ist Teil der Sexualität und völlig normal, dass man Lust dazu hat. Die Medien bedienen diesen Aspekt zusätzlich, in der Werbung und, mit Sendungen wie "Germany's next Topmodel". Auf Instagram und Co. wird uns täglich vorgelebt, wie sexy man sein kann/muss.
Andererseits zeigt sich, wie schmal in der öffentlichen Wahrnehmung der Grat zwischen sexy und schlampig, bzw. der entsprechenden Bewertung ist. Ob eine prominente Person oder Privatperson ein sexy Bild macht, wird sehr unterschiedlich be- und zum Teil streng verurteilt. Junge Mädchen erleben also oft einen Konflikt: einerseits wird ihnen vorgelebt und suggeriert, wie sexy sie sein können, und andererseits sollen sie sich nicht zu sexuell aktiv zeigen, weil es sich nicht schickt. Zugleich werden sie von anderen aufgefordert sexy Aufnahmen zu versenden – diese Aufforderung geht übrigens häufiger von Jungen aus als von Mädchen. Für Jungen gehört Sexting eher zum Flirten dazu als für Mädchen.

Erwartungen an Jungen
Aber auch Jungen erleben den Druck, eine Rolle zu bedienen. So kann sexuell aktives Verhalten als typisch-männliches Verhalten missinterpretiert werden – nach dem Motto „Wenn sie mir ein sexy Bild von sich schickt, dann bin ich ein toller Hengst.“ So werden Jungen vielleicht immer wieder in die Rolle gedrängt, ein Bild zu verlangen.
 
Viele Jungen und Mädchen fühlen sich mit diesen Erwartungen unwohl und unverstanden. Um Sexting und auch die möglichen Folgeentwicklungen besser verstehen zu können, ist es hilfreich, sich diese zusätzlichen meinungsbildenden Aspekte (wie die vorherrschenden Geschlechterrollenbilder) bewusst zu machen. Diese fließen auch in unser Urteil mit ein und erschweren es so, den Einzelfall zu bewerten. Im Bereich Medienethik auf klicksafe.de finden Sie weitere Informationen zum Thema mediale Geschlechterrollen.

Was sind mögliche Folgen von Sexting?

Eine naheliegende Folge von Sexting ist, dass die Aufnahme unerlaubt an Dritte weitergeleitet wird. Die Folgen von „missglücktem oder sekundärem Sexting“ können vielfältig und umfassend sein. Die österreichische Saferinternet.at - Studie fand heraus, dass 46% der befragten Jugendlichen jemanden kennen, der schon einmal schlechte Erfahrungen mit Sexting gemacht hat. Die Person wurde verspottet und die Aufnahmen wurden dann zum Beispiel

  • im Freundeskreis verbreitet,
  • die Aufnahmen wurden öffentlich gemacht oder
  • Eltern und Lehrern gezeigt.

Häufig geht missglücktes oder sekundäres Sexting mit systematischem (Cyber)Mobbing einher. Die betroffene Person wird dann in der Schule und in Sozialen Medien wegen des Bildes fertig gemacht.

Auszug aus dem Fallbeispiel "Nele" aus Handbuch "Was tun bei (Cyber)Mobbing?"
Nele hat erfahren, dass Steve ernst gemacht hat. Bereits gestern hatten schon etliche Schüler aus unterschiedlichen Klassen das Video auf ihrem Handy, das hat ihre Freundin Jessica herausgefunden. Nele merkt, wie einige sie angrinsten und über sie tuschelten – irgendetwas stimmte nicht. Dass Steve aber soweit gehen würde, konnte sie sich einfach nicht vorstellen. „In kürzester Zeit war das Video in der Schule rumgegangen, und wer weiß, wo es sonst noch landet!“ Sie fühlt sich unendlich ohnmächtig und ausgeliefert. Sie hat Angst, dass jemand das Video gezielt gegen sie benutzt und sie vielleicht später erpressen will: „Jetzt bekomme ich keinen Ausbildungsplatz mehr! Der Polizist hat gesagt, dass die Personalchefs im Internet googeln!“ Sie hält dieses Tuscheln und die Blicke nicht mehr aus.

Quellen:
Ringrose,J., Gill, R., Livingstone, S.,Harvey, L. (2012): A qualitative study of children, young people and »sexting.« Report prepared for the National Society for the Prevention of Cruelty to Children, London, UK.

Vogelsang, V. (2017). Sexuelle Viktimisierung, Pornografie und Sexting im Jugendalter. Ausdifferenzierung einer sexualbezogenen Medienkompetenz. Berlin: Springer,

Saferinternet.at: Studie "Sexting in der Lebenswelt von-Jugendlichen"