Was tun, wenn's schief geht? Handlungsempfehlungen

Wenn Sexting schief geht, fühlen sich Betroffene oft hilflos und bloßgestellt. Im Folgenden zeigen wir Handlungsmöglichkeiten auf.

Wie reagiere ich?
Das wichtigste zuerst: man kann etwas tun – als betroffene Person, als Eltern, als Lehrkraft, als Mitschülerin oder Mitschüler, als Beobachter. Und Betroffenen kann geholfen werden. Wenn erotische Aufnahmen ungefragt in fremde Hände geraten, dann war das so sicherlich nicht geplant. Das ist erstmal ein Schock. Man fühlt sich wie gelähmt, verraten, bloßgestellt, hilflos und ist wahrscheinlich total verängstigt. Das Schlimmste ist, dass man nicht weiß, was nun (noch) passieren wird. Darum ist es sehr wichtig, dass man mit seiner Not nicht allein bleibt, sondern sich jemandem anvertraut und gemeinsam Hilfe sucht.

An wen kann ich mich wenden?
Vertrauenspersonen können Freunde, Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen, Medienscouts, Ansprechpartner im Jugendtreff, die eigenen Eltern oder andere erwachsene Vertrauenspersonen, die Polizei oder jemand vom Schulpsychologischen Dienst sein. Wichtig ist, dass die betroffene Person ihr Anliegen in einer wertfreien und vor allem annehmenden Atmosphäre erzählen kann. Keine Schuldzuweisungen, kein „Wie konnte dir das passieren?“. Man kann es nicht oft genug sagen: Für alle Personen gilt, dass sie die betroffene Person nicht für ihr Verhalten verurteilen, sondern Trost spenden und gemeinsam aktiv werden. Je eher man reagiert, desto besser kann man den Verlauf der Geschichte beeinflussen. Jeder kann helfen und seinen Beitrag leisten, damit dem Betroffenen geholfen wird.

Erste Schritte für Betroffene

  • Vertraue dich jemandem an und zögere nicht, deine Geschichte zu erzählen. Sicherlich bist du, wenn du erfahren hast, dass Aufnahmen von dir im Netz kursieren, erstmal total gelähmt und ängstlich, oder du gerätst in Panik und willst sofort irgendwas tun. Versuche ruhig zu bleiben. Es ist verständlich, dass du dich schämst. Aber du bist nicht selbst schuld! Je früher du deine Geschichte erzählst, desto schneller kann dir geholfen werden. Also überlege, wer ein guter Ansprechpartner für dich sein kann. Vielleicht hast du mehr Mut, wenn du deine beste Freundin oder deinen besten Freund mitnimmst? Gemeinsam mit einem Erwachsenen könnt Ihr die nächsten nötigen Schritte einleiten.
  • Wenn Du dich an deine Eltern wenden kannst, dann solltet Ihr im nächsten Schritt auch die Schule hinzuziehen. Es ist wichtig, dass man auch die Schule ins Boot holt, weil hier viele Prozesse, z.B. der Umgang mit dem Weiterleiten deiner Aufnahmen, in Angriff genommen werden können. Auch in der Schule muss die sofortige Beendigung des Weiterleitens veranlasst bzw. gefordert werden. Dabei müssen dich Schulleitung und Lehrkräfte unterstützen. Gemeinsam mit der Schule könnt ihr diese Schritte befolgen, denn hier muss man dir auch helfen. Bestimmt hast du Vertrauenslehrer oder Sozialpädagogen an deiner Schule, die dir zuhören und helfen können.
  • Melde(t) die Aufnahmen beim Anbieter des Dienstes, über den das Material Deines Wissens nach verbreitet wurde. Veranlasse die Entfernung der Aufnahmen. Bei den etablierten Diensten, wie z. B. Facebook oder YouTube ist das verhältnismäßig einfach, dort sind die Meldefunktionen leicht zu finden. Bei Diensten wie Snapchat oder WhatsApp ist es nach wie vor schwer möglich, den Kontakt zum Anbieter herzustellen. Dennoch sollte man das versuchen (der Kontakt ist im Impressum angegeben) und um die Löschung des besagten Bildes bzw. Videos bitten. Denn: Wenn man den Anbieter über den Rechtsverstoß informiert hat, kann man ihm gegenüber auch einen Unterlassungsanspruch geltend machen.
  • Blockieren und löschen: Wirst du von Anderen beleidigt oder fertig gemacht, die dein Bild gesehen haben? Dann kannst du die Kommentare und die entsprechenden Personen bei den jeweiligen Diensten melden. Wie das geht, siehst du hier.
  • Lass dich, am besten zusammen mit einem Erwachsenen, juristisch beraten. Mithilfe eines Anwalts kannst du die Verletzung des Rechts am eigenen Bild geltend machen, denn niemand darf ohne die Zustimmung der abgebildeten Person, Aufnahmen oder Videos weitergeben. Verstößt eine Person gegen dieses Recht, dann kann sie mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von einem Jahr bestraft werden. Zudem kann die betroffene Person eine Unterlassungsklage an die Person stellen. Voraussetzung allerdings ist: Es muss klar sein, wer das Material ungefragt in Umlauf gebracht hat.
  • Nimm Kontakt mit der Polizei auf. Erstatte Anzeige bei der Polizei. Das gilt besonders, wenn Aufnahmen/Videos ungefragt weitergeleitet wurden, die den sog. „höchstpersönlichen Lebensbereich“ verletzen. Darunter sind Aufnahmen zu verstehen, die in privaten bzw. intimen Räumlichkeiten wie bspw. der eigenen Wohnung, der Toilette oder der Dusche aufgenommen wurden. Darauf steht ein Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe. Eine Anzeige ist auch dann zu stellen, wenn es sich bei den ungefragt weitergeleiteten Aufnahmen/Videos tatsächlich um kinder- bzw. jugendpornografisches Material handelt. Bei Minderjährigen müssen deren Eltern die Anzeigen stellen.

Erste Schritte für Eltern

  • Bieten Sie dem betroffenen jungen Menschen eine gute Beziehung und einen sicheren Ort an. Fragen Sie nach dem Sachverhalt und dem Erleben der Person. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen und Verurteilung. Bestärken Sie den jungen Menschen in seiner Entscheidung, sich Hilfe zu holen und sich mit diesem intimen Geheimnis jemandem anzuvertrauen. Das erfordert viel Überwindung und Mut – viele Jugendliche wissen nämlich um die gängige Haltung, dass das Opfer selbst schuld sei, was es nicht leichter macht, jemandem davon zu erzählen.
  • Medienbilder reflektieren. Die herkömmliche Werbung und sexy Posen vieler Promis und Privatpersonen bei Instagram und Snapchat vermitteln den Eindruck, dass es normal ist, sich freizügig zu präsentieren. Reden Sie mit Ihrem Kind über die derzeit vorherrschenden Medienbilder. Regen Sie Ihr Kind an, diese zu hinterfragen und darüber nachzudenken, was die Aufnahmen transportieren. Reflektieren Sie auch Ihre eigene Wahrnehmung über Medienbilder und seien Sie sensibel dafür, wie schwer es für junge Menschen sein kann sich gegen die vorhandenen Medienbilder durchzusetzen.
  • Keine Schuldzuweisungen. Wenn Ihr Kind ein sexy Bild von sich verschickt hat und die Aufnahmen in die falschen Hände geraten sind, dann machen Sie keine Vorwürfe! Es fühlt sich bereits verraten, dem Spott anderer ausgeliefert und verletzlich. Wichtig ist es, dass Sie Ihrem Kind das Gefühl vermitteln, dass es sich bei Ihnen sicher und verstanden fühlen kann. Machen Sie sich und anderen klar, dass der Unrechtsmoment im unerlaubten Weiterleiten liegt.
  • Prüfen Sie eine Fremd- oder Selbstgefährdung. Scheuen Sie sich nicht, nach selbst- oder fremdgefährdenden Gedanken oder Handlungen zu fragen. Schützen Sie so die seelische und körperliche Gesundheit des Betroffenen und Dritter. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie die Gefährdungslage deeskaliert werden kann und welche Personen damit betraut werden müssen.
  • Informieren Sie auch die Schule, wenn dies noch nicht geschehen ist. Gerade in der Schule können wichtige Maßnahme zur Deeskalation eingeleitet werden, also nehmen Sie sobald wie möglich Kontakt auf.
  • Bleiben Sie dran, auch wenn Ihr Kind plötzlich Hilfe ablehnt. Verweigert sich Ihr Kind einer Vermittlung und lehnt es Hilfe ab, sollten Sie es unmittelbar aufsuchen, um seine Verfassung einzuschätzen. Es kann sein, dass Ihr Kind Angst vor dem bekommt, was nun passieren wird und das ist auch verständlich. Sie kennen Ihr Kind, suchen Sie das Gespräch und machen Sie Mut.
  • Ermutigen Sie Ihr Kind zu handeln. Nur wenn gehandelt wird, kann der Prozess aufgehalten werden. Und vertrauen Sie darauf, dass Sie mithilfe eines guten Netzwerkes Hilfe bekommen.
  • Dokumentieren Sie den Sachverhalt. Lassen Sie sich die Sachlage so lange erklären, bis Sie alles verstanden haben. Denken Sie daran, dass es sich dabei um eine subjektive Beschreibung handelt – die Sachlage kann von weiteren Beteiligten anders beschrieben werden. Nehmen Sie sie dennoch unter allen Umständen ernst. Dokumentieren Sie die Geschehnisse detailliert.
  • Melden Sie die Aufnahmen beim Anbieter des Dienstes, über den das Material nach Ansicht Ihres Kindes verschickt oder veröffentlicht wurde. Prüfen Sie, ob Sie die Polizei benachrichtigen müssen! Veranlassen Sie gemeinsam die Entfernung der Aufnahmen. Bei den etablierten Diensten, wie z.B. Facebook oder YouTube ist das verhältnismäßig einfach, da es hier spezielle Meldefunktionen gibt. Bei Diensten wie Snapchat oder WhatsApp ist es nach wie vor schwer möglich, den Kontakt zum Anbieter herzustellen. Dennoch sollte versucht werden um die Löschung des besagten Bildes/Videos zu bitten. Denn: Wenn man den Anbieter über den Rechtsverstoß informiert hat, kann man ihm gegenüber auch einen Unterlassungsanspruch geltend machen. Der Kontakt zum Anbieter ist im Impressum angegeben. Wenn Straftatsbestände vorliegen – beispielsweise bei der Verbreitung von kinder- oder jugendpornografischem Material – muss die Polizei eingeschaltet werden.
  • Reden auch Sie über das Erlebte. Auch für Sie als Eltern ist es eine schwere Situation. Es kann sehr belastend sein, was Ihre Familie gerade erlebt. Vertrauen auch Sie sich jemandem an und sprechen Sie mit Freunden oder Ihrem Partner über das Erlebte.

Erste Schritte für Pädagogen und Lehrkräfte

  • Bieten Sie dem betroffenen Jugendlichen eine gute Beziehung und einen sicheren Ort an. Fragen Sie nach dem Sachverhalt und dem Erleben der Person. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen und Verurteilung. Bestärken Sie den jungen Menschen in seiner Entscheidung, sich Hilfe zu holen und sich mit diesem intimen Geheimnis jemandem anzuvertrauen. Das erfordert viel Überwindung und Mut – viele Jugendliche wissen nämlich um die gängige Haltung, dass das Opfer selbst schuld ist, was es nicht leichter macht, jemandem davon zu erzählen.
  • Prüfen Sie eine Fremd- oder Selbstgefährdung. Scheuen Sie sich nicht, nach selbst- oder fremdgefährdenden Gedanken oder Handlungen zu fragen. Schützen Sie so die seelische und körperliche Gesundheit des Betroffenen und Dritter. Erfahren Sie direkt durch den betroffenen Schüler von den Geschehnissen, können Sie zumindest für den Moment sicherstellen, dass sich die Person nicht aus einer Kurzschlussreaktion selbst gefährdet. Überlegen Sie gemeinsam mit den Betroffenen, wie die Gefährdungslage deeskaliert werden kann und welche Personen damit betraut werden müssen.
  • Klären Sie mit der betroffenen Person Ihren Auftrag und Ihre rechtliche Position. Fragen Sie, was sich der Betroffene in dieser Situation wünscht. Erläutern Sie, welche Möglichkeiten Sie haben auf seine Bedürfnisse einzugehen. Seien Sie vorsichtig mit Ihren eigenen Lösungsvorstellungen. Sagen Sie ihm, dass Sie keinen Schritt unternehmen werden, ohne ihn vorher darüber in Kenntnis zu setzen oder ggf. sein Einverständnis einzuholen.

Achtung:
Wenn Sie einen Notstand oder eine Kindeswohlgefährdung ausschließen können und Schulsozialarbeiter, Schulpsychologe, Beratungslehrer oder Jugendberater sind, unterliegen Sie der Schweigepflicht nach § 203 StGB. Gegen den Willen des Opfers oder auch Täters ist Ihnen eine Weitergabe der Daten und vertraulichen Informationen in der Regel nicht gestattet! Die Schweigepflicht gilt in dieser uneingeschränkten Form nicht für Sie, wenn Sie eine Lehr- oder andere Betreuungskraft sind. Hier müssen Sie in aller Regel tätig werden, die Schulleitung und die Eltern informieren. Das schließt Einzelhilfe oder Konflikthilfe nicht aus, wenn Sie die Erlaubnis haben, in diesem Sinne zu agieren.

  • Setzen Sie Schüler als Peer-Berater ein. Erfahren Sie durch andere Schüler oder erwachsene Personen von der Problematik, bitten Sie diese, das Opfer zu motivieren, sich geeignete Hilfe zu holen.
  • Unterstützen Sie die betroffene Person, zu handeln. Nur wenn gehandelt wird, kann der Prozess aufgehalten werden.
  • Dokumentieren Sie den Sachverhalt. Lassen Sie sich die Sachlage so lange erklären, bis Sie alles  verstanden haben. Denken Sie daran, dass es sich dabei um eine subjektive Beschreibung handelt – die Sachlage kann von weiteren Beteiligten anders beschrieben werden. Nehmen Sie sie dennoch unter allen Umständen ernst. Dokumentieren Sie die Geschehnisse detailliert. Nutzen Sie die Leitlinien zur Durchführung eines Interviews mit einer hilfesuchenden Person.
  • Prüfen Sie, ob Sie andere Eltern, Lehrkräfte, Schulleitung informieren müssen. Manche Konfliktparteien, Opfer sowie Täter, wollen nicht, dass die Eltern, andere Lehrkräfte oder die Schulleitung informiert werden. Diesen Wunsch gilt es zu verstehen, aber nicht immer, damit einverstanden zu sein. Sie müssen darauf Rücksicht nehmen, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind, anderenfalls machen Sie sich strafbar:
  1. Wenn Sie Schulsozialarbeiter, Schulpsychologe, Beratungslehrer (§ 203 StGB) oder Jugendberater sind.
  2. Wenn Ihnen keine gewichtigen Anhaltspunkte auf eine Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII bekannt sind.
  3. Wenn Sie den Eindruck haben, dass das Kind (z.B. im Grundschulalter) reif genug und in der dafür notwendigen psychischen und geistigen Verfassung ist, die eigene Entscheidung gegen die Information der Eltern oder Schulleitung zu verstehen und zu verantworten.
  • Vernetzen Sie sich mit anderen Fachkräften. "Never walk alone!" Arbeiten Sie im Team, wann immer es machbar ist, auch wenn Sie Entscheider sind. Holen Sie sich wichtige Entscheider, erfahrene Fachkräfte und wichtige Bezugspersonen des Betroffenen an den Tisch. Teammitglieder müssen auf personenbezogene Daten des Falles zurückgreifen können. Holen Sie sich möglichst immer die Erlaubnis dafür ein.