Wie kann man mit Sexting umgehen? Haltung einnehmen

Wie wir Sexting bewerten, wie wir damit umgehen, wie wir reagieren wenn das eigene Kind oder eine Schülerin oder ein Schüler aus der eigenen Klasse betroffen ist, das hängt von vielen, teilweise auch tief verwurzelten Faktoren ab (z.B. unserer eigenen Sexualität).

Für mehr Objektivität bei dem Thema Sexting ist es wichtig, Verständnis dafür zu entwickeln, warum Menschen Lust darauf haben und welche starken Dynamiken bei missglücktem Sexting entstehen. Wenn es schief geht und intime Fotos an die Öffentlichkeit gelangen, reagiert das Umfeld oft mit der Bemerkung „Du bist selbst schuld, wenn du solche Fotos von dir machst.“ Hier wird der Person, die gerade ein großes Problem damit hat, dass diese Bilder von Anderen verbreitet werden, die Schuld daran gegeben. Man nennt das „Victim Blaming“.  Tatsächlich wird damit von den eigentlich Schuldigen abgelenkt, nämlich denjenigen, die ohne Einverständnis Fotos verbreiten.

In der wissenschaftlichen Diskussion haben sich zwei gegensätzliche Richtungen abgezeichnet, wie man Sexting bewerten bzw. damit umgehen kann – der Devianz-Diskurs und der Normalitäts-Diskurs.

Devianz-Diskurs
Vertreter des Devianz-Diskurses betrachten Sexting an sich als deviantes (abweichendes) Verhalten, das man unterbinden sollte. Diese Sichtweise findet man in Studien ebenso häufig wie in Präventionskampagnen. Genannt werden zum Beispiel „Gefahren von Sexting“ wie soziale Ausgrenzung, Straffälligkeit, sexuelle Viktimisierung und weiteres riskantes Sexualverhalten. Eine prominente Botschaft – vor allem adressiert an Mädchen – ist, sich besser nicht sexuell aktiv zu zeigen. Täter- und Mittäterschaft werden nicht oder nur am Rande problematisiert, während dem Opfer die Hauptschuld für die Folgen zu geschrieben wird (sog. Victim Blaming) – hätte sie/er ein solches Bild nicht gemacht, dann wäre es nicht dazu gekommen, so ist oft die Botschaft. Unerwähnt bleibt meist, dass sich beim missglückten Sexting Menschen der Aufnahmen bemächtigen, diese unerlaubt weitergeleitet haben und damit das Leiden eines Menschen überhaupt anstoßen. 

Normalitäts-Diskurs
Vertreter des Normalitäts-Diskurs verstehen Sexting als neue Form der Intimkommunikation. Es hat die Funktion, die sexuelle Identität zu erkunden und Begehren auszudrücken. Basierend auf der Annahme, dass Sexting nicht per se falsch ist, werden zum Beispiel Tipps gegeben, was man beim Erstellen und Versenden beachten kann. Dazu gehören Tipps zur Auswahl und Abwägung des Empfängers, zur sicheren Produktion und Distribution des Bildes sowie der Wahl des Kommunikationskanals. Mögliche Risiken von Sexting werden nicht (immer) ausgeblendet, aber anders akzentuiert. So wird deutlich betont, dass man bei missglücktem Sexting nicht selbst schuld ist, sondern sich andere schuldig machen, indem sie ungefragt Aufnahmen weitergeben. Nach Ansicht der Vertreter des Normalitäts-Diskurs werden nicht die Betroffenen an den Pranger gestellt („Victim Blaming“), sondern der Blick sollte sich auf das System aus Personen richten, die Bilder ungefragt weiterleiten und sich an der Bloßstellung beteiligen.

Haltung einnehmen und genauer hinschauen
Bei der Darstellung der beiden Diskurse geht es nicht zwingend darum, sich für die eine oder andere Haltung zu entscheiden. Man kann sich die Diskurse auch als Kontinuum vorstellen, und dazwischen eine Linie sehen, auf der man sich positioniert. Aber Sexting per se als gefährliches Verhalten dazustellen – wie es der Devianz-Diskurs tut - ist in jedem Fall nicht zielführend. Betrachtet man das Thema Sexting ganzheitlich, dann wird klar, dass es zu „einfach“ und darüber hinaus ungerecht ist, demjenigen die Schuld zu geben, der ein sexy Bild von sich macht, sondern dass aus systemischer Sicht viele Menschen beteiligt sind. Man muss auch die Personen in den Blick nehmen, die Bilder ungefragt weitergeben und diejenigen, die das Teilen und Liken einfach hinnehmen. "Safer Sexting - Tipps" an Jugendliche zu vermitteln – wie es einige Vertreter des Normalitäts-Diskurs fordern - kann sich aber auch falsch anfühlen. Die Darstellung der Diskurse soll daher dafür sensibilisieren, bei Informationen zu Sexting genauer hinzuschauen:

  • Wie wertend wird das Phänomen dargestellt, werden alle Facetten berücksichtigt?
  • Werden Betroffene ausreichend geschützt?
  • Wird sekundäres Sexting verurteilt?
  • Wie geht man mit den Geschlechterrollen um?


Quellen:
Borries, E. (2015). Alles Sexting oder was? Warum wir mehr Diversität in der Präventionsarbeit mit Jungen und Mädchen brauchen. In: proJugend, 3/2015, 16-21.

Döring, N. (2015). Sexting. Aktueller Forschungsstand und Schlussfolgerungen für die Praxis. In

Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V. (Hrsg.), Gewalt im Netz. Sexting,

Cybermobbing & Co. (S. 15-43). Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V.

Döring, N. (2014). Consensual sexting among adolescents: Risk prevention through abstinence education or safer sexting? Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 8 (1), article 9 [Stand: 30.10.2017]