Pornografie im Netz

Das Phänomen Internetpornografie

Das Internet ist heute die vorherrschende Quelle für pornografisches Material. „Was the Internet made for porn?“, spitzten es Kulturkritiker zu. In den 1980er-Jahren musste man noch aufwändig nach Videos oder Zeitschriften suchen, deren Erwerb Jugendliche vor so manches Problem stellte.  Heute reicht eine schnelle Internetverbindung, um anonym (Anoymity), kostengünstig (Affordability), sowie ohne große Hürden und Hemmschwellen (Accessibility) Pornografie zu konsumieren. Diese „Triple A“ genannten Merkmale haben neben der Vollausstattung deutscher Haushalte mit Internetzugang (98 % der Haushalte mit Jugendlichen haben laut JIM-Studie einen Internetanschluss) wesentlich zur Verbreitung und damit zur Popularität von Pornografie beigetragen.
Durch diese Verbreitungsbasis hat sich im Laufe der Zeit auch die Art der Pornografie verändert. Pornografie ist heute härter, mechanischer, als noch vor 20 Jahren. Zudem ist die Bandbreite der gezeigten Pornografie größer. "Sado-Maso" ist ebenso leicht abrufbar wie Sex mit Schwangeren, Kleinwüchsigen oder mit Tieren. Bondage (Fesselung) oder Natursekt (Urin) stehen neben Amateursex oder auch gespielten Vergewaltigungen.

  • Exkurs: Machtlos im Internet? Gesetzliche Bestimmungen

Pornografienutzung von Jugendlichen

Die Angaben, wie viele Jugendliche ab 13 Jahren Erfahrung mit (Internet-)Pornografie gemacht haben, schwanken stark und liegen zwischen 60 % und 80 %. Generell konsumieren Jungen sehr viel häufiger Pornografie als Mädchen, darin stimmen alle Studien überein. Nur 8 % der Jungen und 1% der Mädchen nutzen laut Bravo-Dr.-Sommer-Studie 2009 Pornografie regelmäßig. Anders als Mädchen nutzen Jungen Pornografie häufig im Kreise Gleichaltriger und beziehen ihren Gruppenstatus u. a. auch aus ihren Kenntnissen zum Thema. Mädchen hingegen konsumieren Pornografie weniger im Kreis der Freundinnen oder alleine als eher im Rahmen einer Partnerschaft.
Festzuhalten bleibt, dass Pornografie von Jugendlichen keineswegs alleine und heimlich konsumiert wird, sondern häufig mit Freunden oder dem Liebespartner. Diese (Gruppen-) Situationen wirken sich auf die Wahrnehmung von und emotionale Reaktion auf Pornografie aus.

Pornografie und die Wirkungsfrage

Aktuelle Studien belegen, dass Jungen Pornografie nicht nur häufiger nutzen als Mädchen, sie bewerten sie auch anders. Mädchen zeigen häufiger eine Abneigung gegen pornografische bzw. erotische Darstellungen, während Jungen sie eher als erregend beschreiben. Das Interesse an Pornografie ist zudem an das Alter gekoppelt. Verschiedene aktuelle Studien zeigen, dass das Interesse an pornografischem Material als Informationsquelle mit zunehmender sexueller Erfahrung und zunehmendem Alter nachlässt.

Pornografie schafft sexuelle Normvorstellungen

Pornofilme haben nichts mit realer Sexualität zu tun, sondern sind inszenierte Produkte, in denen in den meisten Fällen ein höchst fragwürdiges Bild von Sexualität transportiert wird. Die Unterwürfigkeit von Frauen, die Zuschreibungen stereotyper sexueller Eigenschaften, die generelle Reduzierung der Frau zum Sexualobjekt, die Darstellung von Sexualität als ausschließlich genitale Sexualität sowie die Dominanz des Mannes - all dies sind stereotype Darstellungen, die an der Wirklichkeit von Sexualität vorbeigehen.

Die Problematik von Pornografie besteht v. a. darin, dass Jugendliche sexuelle Normvorstellungen daraus übernehmen, die wenig mit der Realität zu tun haben. Pornografische Filme und Bilder vermitteln das Bild eines stets potenten Mannes, der von einer stets willigen Frau befriedigt wird und schließlich zum erfüllenden "Facial Cumshot" kommt. Jugendliche können sich und ihre Sexualpraktiken im Vergleich mit dem in Pornos Gesehenen leicht als unzulänglich empfinden. So können sie sich z.B. unter Erfolgsdruck sehen.

Anal ist normal Neben einem generellen Erwartungsdruck kann der Konsum von Pornografie aber auch ganz unmittelbar Einfluss auf das eigene Sexualverhalten nehmen. So ist Analverkehr, der in Pornos häufig zu sehen ist, heute für Jugendliche eine durchaus bekannte Sexualtechnik, während er vor Jahrzehnten fast unbekannt bzw. durchgängig tabuisiert war. Durch die Omnipräsenz von bestimmten Sexualpraktiken in gängigen Internet-Pornoportalen können Jugendliche leicht hinsichtlich ihres eigenen Sexualverhaltens verunsichert werden.

Damit das Weltbild, das bei Jugendlichen hinsichtlich Sexualität und Geschlechterbeziehung entsteht, nicht von der Pornoindustrie geprägt wird, bedarf es einer sorgfältigen und behutsamen Behandlung des Themas Sexualität und Pornografie, bedarf es Gesprächsangeboten, die Jugendlichen Informationen und Hilfen geben.

  • Möglichkeiten der Bearbeitung: Baustein 3 des klicksafe-Moduls "Let's talk about Porno"

Exkurs: Sexualisierte Kommunikation

"Du Opfer" – Die Kultur der Erniedrigung

Bei aller Sensibilität: Mitunter fehlt Jugendlichen das Gespür, wo sprachliche Grenzen verlaufen. Übergriffe beginnen fast immer auf der sprachlichen Ebene. Der Gebrauch von drastischen (sexuellen) Begriffen ist inzwischen so alltäglich, dass sich Jugendliche möglicherweise bei Begriffen wie „Fotze“, „Bitch“ oder „Opfer“ nichts mehr denken. Doch gerade die Selbstverständlichkeit, mit der letztlich abwertende Wörter in den Mund genommen werden, etabliert eine Kultur der Erniedrigung – auch wenn diese Wörter auf den ersten Blick kumpel- oder scherzhaft gemeint scheinen.
 
Gerade im Netz beruht die Kommunikation zum allergrößten Teil auf schriftlicher Sprache. In Social Communitys (z. B. schülerVZ, facebook), Chats, Messengern (z. B. ICQ, msn) und Videoportalen (z. B. YouTube, MyVideo) sind sexualisierte Übergriffe inzwischen verbreitet, unabhängig davon, ob es sich um Übergriffe unter Heranwachsenden oder von Erwachsenen auf Jugendliche handelt. Sexualisierte Grenzüberschreitungen können dabei verschiedene Formen annehmen:

  • Verbale sexuelle Belästigung

  • Übertragung sexueller Handlungen auf den Bildschirm über Webcam

  • Konfrontation mit Pornografie

  • Produktion von Pornografie, z. B. durch Aufforderungen oder Überreden in Chats, Nacktbilder preiszugeben bzw. nackt vor einer Webcam zu posieren.

  • Öffentliches Bloßstellen durch Veröffentlichung heimlich bzw. auch gemeinsam erstellter privater/ intimer Videos oder Fotos.

  • Anbahnung von sexuellem Missbrauch.

Studien und Artikel zum Thema Pornografie:

  • Altstötter-Gleich, Christine (2006): Pornografie und neue Medien. Studie zum Umgang Jugendlicher mit sexuellen Inhalten im Internet. Mainz: pro familia.

  • Grimm, Petra & Rhein, Stefanie & Müller, Michael (2010): Porno im Web 2.0. Die Bedeutung sexualisierter Web-Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen. Berlin: Vistas.

  • Starke, Kurt (2010): Pornografie und Jugend – Jugend und Pornografie. Lengerich: Pabst Science Publishers.

  • Weber, Mathias (2009): Die Nutzung von Pornografie unter deutschen Jugendlichen. In: BZgA Forum 1/2009, S. 15 –18. Köln: BZgA.