Sexting - worum geht's?

Quelle: Facebook / Google

Sexting ist ein Kofferwort, bestehend aus den Wörtern „Sex“ und „Texting“. Es beschreibt das Versenden und Empfangen selbstproduzierter, freizügiger Aufnahmen via Computer oder Smartphone. In der Wissenschaft hat sich der Begriff „Sexting“ etabliert, aber unter Jugendlichen ist er nicht besonders bekannt, wie Studien zeigen. Jugendliche (und auch Erwachsene) benennen eher die Tätigkeit und sagen sowas wie „sexy Aufnahmen / Selfies / Pics / Posingbilder“ oder "Nudes" verschicken.

Ab wann spricht man von Sexting?

Wieviel Nacktheit es auf Aufnahmen bedarf, damit man von „Sexting“ spricht, dazu liefert auch die Wissenschaft keine eindeutigen Kriterien. Ob zum Beispiel schon ein Selfie mit sexy Blick, einem schönen Oberteil und tieferem Ausschnitt „zu nackt“ ist, oder erst Fotos in Bikini-, in Dessous- oder Boxershorts, das liegt an der Inszenierung des Bildes (Licht, Perspektive, Pose usw.) oder dem Kontext, in dem es entstanden ist. Letztendlich liegt es im Auge des Betrachters. Überhaupt: Wie wir „Sexting“ bewerten, das hängt auch von unserer eigenen Haltung gegenüber Nacktheit, Erotik und Sexualität ab.

Allgemein kann man sagen, dass es sich bei Sexting-Aufnahmen um Fotos in Badehose, Bikini oder Unterwäsche, Oben-ohne-Aufnahmen sowie Nacktbilder bestimmter Körperregionen handelt. Anwendungen wie Snapchat und WhatsApp werden häufig für Sexting genutzt.

Sexting ist nicht per se schlecht

Das Phänomen „Sexting“ hat aufgrund der wertenden Darstellung in den letzten Jahren ein negatives Image. Dazu kommt, dass vor allem die missglückten Fälle Schlagzeilen machten. Es wurden hauptsächlich  die Risiken und Nebenwirkungen von Sexting betont (z. B. unerlaubte Weitergabe der Aufnahmen, Mobbing und soziale Ausgrenzung), so dass kein Raum war, sich mit den Gründen für das Versenden von sexy Fotos zu beschäftigen, oder Jugendliche mal ganz offen dazu zu befragen. Über die Risiken aufzuklären ist wichtig, aber tatsächlich kann Sexting auch ohne Folgen sein und muss nicht per se negativ bewertet werden. Es kann Teil einer modernen Intimkommunikation sein, wenn die Beteiligten alt genug sind, sich gut genug kennen, sich fair und respektvoll verhalten und einige Aspekte beachten.

Was ist (kein) Sexting?

Um Sexting richtig verstehen zu können, muss man abgrenzen was Sexting nicht ist, bzw. was fälschlicherweise oft als Sexting bezeichnet wird. Bei Sexting geht es immer um freiwillig angefertigte Selfies als Bild oder Video. Wir sprechen zum Beispiel nicht von Sexting, wenn intime Aufnahmen nicht-einvernehmlich oder unfreiwillig entstehen, oder wenn man gar erpresst wird solche Aufnahmen zu machen – mehr dazu unter „Sextortion“. Wenn Sexting zwischen zwei Menschen stattfindet, die sich freiwillig dafür entscheiden, dann spricht man von primärem Sexting. Wenn ein Sexting-Bild weitergeleitet wird und von einer der beteiligten Personen oder weiteren Personen ohne Einverständnis der abgebildeten Person verbreitet wird, spricht man von sekundärem Sexting. Bei diesem sekundären Sexting handelt es sich um eine Straftat.

Es handelt sich nicht um Sexting…
…wenn man kommerzielle Aufnahmen oder Pornofilme verschickt.
…wenn man eine Person heimlich fotografiert.
…wenn man Nacktbilder von sich selbst ungefragt an andere verschickt.
…wenn man reine Textnachrichten mit erotischen Inhalten schickt. Das nennt man „Dirty Talk“.

Sexy Aufnahmen als Druckmittel - Sextortion

Sexy Aufnahmen können missbräuchlich bzw. als Druckmittel genutzt werden, um die abgebildete Person zu erpressen. Dann ist von Sextortion (Kofferwort aus „sex“ und „extortion“ (engl.) = Erpressung) die Rede. Dabei wird man zur Erstellung von sexy Aufnahmen überredet oder gedrängt und anschließend mit diesen Aufnahmen erpresst. Das passiert oft im Chat, wenn man die andere Person noch nicht gut oder gar nicht kennt. Eine Unterscheidung zwischen Sexting und Sextortion ist wichtig, weil Sexting als friedliche und gewaltfreie Handlung zwischen zwei Menschen verstanden werden sollte, die in der Regel einvernehmlich geschieht.

Die friedliche und gewaltfreie Stimmung kann sich natürlich auch bei Sexting ändern, z. B. wenn einer der beteiligten Personen die Aufnahme doch weitergibt. Bei Sextortion steht dagegen von Anfang an der Gedanken im Vordergrund, den betroffenen Menschen mit den Aufnahmen zu erpressen. Oft drohen die Täter damit, die Aufnahmen oder Videos auf einer Plattform hochzuladen und zu veröffentlichen. In manchen Fällen wird sogar Geld gefordert. Hierbei handelt es sich um eine Straftat, die man deutlich vom Phänomen Sexting trennen muss.

Mehr Informationen zu Sextortion gibt es im Artikel auf Saferinternet.at

Quellen:

  • Borries, E. (2015). Alles Sexting oder was? Warum wir mehr Diversität in der Präventionsarbeit mit Jungen und Mädchen brauchen. In: proJugend, 3/2015, 16-21.
  • Döring, N. (2015). Sexting. Aktueller Forschungsstand und Schlussfolgerungen für die Praxis. In Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V. (Hrsg.), Gewalt im Netz. Sexting, Cybermobbing & Co. (S. 15-43). Berlin: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V.
  • https://www.saferinternet.at/fileadmin/files/Studien/Sexting_Studie/FAQ_Sexting.pdf

Gründe für Sexting

Junge Menschen kommunizieren inzwischen bevorzugt online miteinander, lernen sich kennen, tauschen sich aus, pflegen Freundschaften und Liebesbeziehungen. Auch Erfahrungen mit Beziehungen und Sexualität werden online gemacht. So kommt es vor, dass man auch Intimität und intime selbstgemachte Aufnahmen teilt. Sexting kann als eine neue Form der Intimkommunikation interpretiert werden, die einvernehmlich zwischen Menschen stattfindet. Längst nicht jeder probiert es aus, aber wenn, dann wird Sexting genutzt…

  • zur Selbstdarstellung: wie will ich sein, kann ich auch „sexy“ sein? Wie kommt das bei anderen an?
  • als Liebesbeweis, zur Beziehungspflege: Sexting-Aufnahmen werden zum Beispiel als sexy Geschenk an die Partnerin und den Partner verschickt oder an den Schwarm als Vertrauensbeweis.
  • zur gegenseitigen sexuellen Erregung
  • zum Kennenlernen, Flirten
  • als Antwort auf ein erhaltenes sexy Bild. Man verschickt also auch ein Sexting-Bild von sich, weil jemand anderes zuvor ein Bild zugesendet hat.

Szenarien, in denen Sexting stattfindet

Sexting findet in unterschiedlichen Kontexten statt und wird nicht nur in einer Liebesbeziehung praktiziert.

  • Sexting innerhalb von Beziehungen wird genutzt, um Liebe, Vertrauen und Lust auszudrücken. Bei Fernbeziehungen wird Sexting genutzt, um die Sehnsucht zu überbrücken.
  • Sexting unter Freunden wird genutzt, um Feedback oder Rückmeldung über das eigene Aussehen und den eigenen Körper zu erhalten (im Sinne von: Wie reagiert die andere Person auf mein Bild?) oder um Intimität aufzubauen, nach dem Motto "Wir zeigen uns einander auch wenig bekleidet und drücken dadurch unser Vertrauen aus." Oft entstehen sexy Aufnahmen also auch „just for fun“.
  • Sexting wird genutzt, wenn sich eine neue Paarbeziehung anbahnt, zum unverbindlichen Flirten oder weil man ausschließlich an einer sexuellen Beziehung interessiert ist. So werden zum Beispiel freizügige Aufnahmen verschickt, um das Interesse aneinander anzuregen und zu schauen, ob man einander gefällt. Das kann schwierig werden, wenn man die andere Person noch nicht gut kennt und weiß, ob man ihr vertrauen kann.
  • Manchmal wird Sexting als Versuch genutzt, sich sexuell auszuprobieren, weil man noch nicht so viel Erfahrung hat. Gerade dann sollte man es lieber „in echt“ ausprobieren, dann merkt man nämlich eher, womit man sich wirklich wohl fühlt.

Quellen:
Döring, N. (2012). Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting, Zeitschrift für Sexualforschung, 25, S. 4-25.

Hoffmann, D. (2012). Sexting. Der erotische Foto- und Nachrichtenaustausch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Magdeburg: Kompetenzzentrum für geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e.V. (Hrsg.), Eigenverlag.

Walrave, M.; Heirman, W.; Hallam, L. (2014). Under pressure to sext? Applying the theory of planned behaviour to adolescent sexting. In: Behaviour & Information Technology, 33 (1), S. 86-98.

Ybarra, Michele; Mitchell, Kimberly J. (2014): ›Sexting‹ and Its Relation to Sexual Activity and Sexual Risk Behavior in a National Survey of Adolescents. In: Journal of Adolescent Health, 55 (6), S. 757-764.

Wer macht's? - Forschungslage zu Sexting

Sexting ist eine neue Facette des Sexuallebens in der digitalisierten Welt geworden. Es wird nicht nur von Jugendlichen ausprobiert, sondern auch Erwachsene machen es, wie Studien zeigen. In den Medien entsteht oft der Eindruck, Sexting sei unter Jugendlichen normal bzw. weit verbreitet. Aber Sexting ist kein Massenphänomen, so viel wissen wir inzwischen aus wissenschaftlichen Studien.

Die vorhandenen, meist englischsprachigen Studien lassen sich aber nur bedingt vergleichen, weil sie sich im Vorgehen und in der Methodik stark voneinander unterscheiden. In Deutschland wird das Thema bislang nicht ausreichend erforscht. Auch was genau unter Sexting zu verstehen ist, wird immer wieder anders definiert. Darum kann man dazu bisher nur vage Aussagen machen. Eine ausführliche Übersicht über den aktuellen Forschungsstand bietet Verena Vogelsang (s. Quellen).

Verschicken
Sexting unter Jugendlichen wird eher vereinzelt ausgeführt, wobei die Angaben stark variieren: zwischen 1,8% und 20,5% der befragten Jugendlichen geben in unterschiedlichen Studien an, ein Sexting-Bild verschickt zu haben. In einer Metaanalyse, in der viele Studien zusammengefasst werden, fand man heraus, dass durchschnittlich etwa 12 % der befragten Jugendlichen schon ein sexy Bild verschickt haben.
Deutschland geografisch am nächsten gelegen, kommt die repräsentative österreichische Studie von Saferinternet.at (2015) zu dem Ergebnis, dass 16% der befragten Jugendlichen schon mal Nacktaufnahmen von sich erstellt haben, in den meisten Fällen wurden sie auch verschickt. Je älter Jugendliche werden, desto eher verschicken sie Sexting-Aufnahmen  von sich. Forscher gehen davon aus, dass das mit der zunehmenden sexuellen Erfahrung zusammen hängt.

Empfangen
Jugendliche empfangen häufiger Sexting-Aufnahmen, als dass sie diese verschicken, zeigen Studien (Quelle: Vogelsang 2017). Bis zu 38% der Befragten haben schon mal Aufnahmen bekommen. Das bestätigt auch die Saferinternet.at-Studie aus Österreich: hier geben 33% der Befragten an, erotische Aufnahmen empfangen zu haben. Es handelte sich um Aufnahmen von Freunden (31%), von Personen die flirten wollten (27%), vom Partner bzw. von der Partnerin (24%) oder gar von Personen, die sie nicht kannten (24%) Auch beim Empfanden gilt: je älter die Jugendlichen werden, desto häufiger erhalten sie Aufnahmen. Dagegen zeigen sich Unterschiede im Geschlecht: während die einen Studien keine Unterschiede erkennen, zeigen andere Studien, dass Jungen häufiger Aufnahmen empfangen als Mädchen.

Geschlechtereffekte
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, auch durch Medienberichte befeuert, kann man bisher nicht belegen, dass Sexting ein typisch-weibliches Verhalten ist. Studien (Quelle: Vogelsang 2017) zeigen, dass es keine nennenswerten Geschlechtereffekte gibt. Dagegen wird über Sexting-Fälle, bei denen Mädchen betroffen sind, häufiger berichtet, was die Annahme verstärkt, es betreffe eher Mädchen. Außerdem bewerten wir es erfahrungsgemäß anders, wenn Mädchen Sexting ausprobieren. Das liegt an den tradierten Geschlechterrollenerwartungen im Hinblick auf Jungen und Mädchen, die sehr unterschiedlich sind. Es ist wichtig, dass man sich diese Beeinflussung bewusst macht.

Quellen: