Meinungsbildung in der digitalen Welt

Jugendliche wachsen im 21. Jahrhundert in einer Welt auf, in der sie einfach und direkt Zugang zu einer Fülle von Infor­mationen haben, so wie es vor der Existenz des Internets nicht möglich war. Über ihr Smartphone und soziale Medien wie YouTube, Facebook, Twitter und Insta­gram können sie Informationen jederzeit und überall nicht nur empfangen, sondern auch bewerten und teilen oder selbst Mitteilungen erstellen und dabei direkt in den Diskurs mit anderen eintreten.

Auf der Suche nach Informationen nutzen 88 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen laut der JIM-Studie in erster Linie Suchma­schinen (bspw. für das Googeln nach Begriffen), etwas mehr als jede:r Zweite sucht bei YouTube nach Information zu bestimmten Themen, und für ein Drittel der Jugendlichen sind Online-Enzyklopädien wie Wikipedia die Anlaufstelle bei der Informationssuche. Journalistische Angebote wie Nachrich­tenportale von Zeitungen, Zeitschriften oder TV-Sendern sind für Jugendliche weniger relevant. Erst mit zunehmen­dem Alter werden diese Angebote als Informationsquelle wichtiger, zugleich nimmt die Bedeutung von Facebook und Twitter hierfür zu.

Der Reuters Institute Digital News Report 2020 für Deutschland zeigt, dass Reichweite und Bedeutung von sozialen Medien als Nachrichtenquelle weiter gestiegen sind. 56 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nutzen mittlerweile soziale Medien als Ressource für Nachrichten. Für 30 Prozent dieser Altersgruppe sind die sozialen Medien die wichtigste Nachrichtenquelle. Und neun Prozent der 18- bis 24-Jährigen beziehen Nachrichten ausschließlich über soziale Medien.

Insgesamt lässt sich für junge Internetnutzer:innen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren feststellen, dass sie in sozialen Medien überwiegend nicht gezielt auf die Suche nach Nachrichten gehen, sondern dort eher beiläufig und zufällig in Kontakt mit Nachrichteninhalten kommen und sich dadurch ausreichend über aktuelle Ereignisse in Deutschland und der Welt informiert fühlen. Nachrichten im klassischen Sinne nehmen nur einen geringen Stellenwert im Alltag (selbst hochgebildeter) junger Men­schen ein.

Obwohl Jugendliche immer weniger fernsehen und ihre Nachrichten überwiegend online beziehen, bringen sie klassischen Medien wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder Zeitungen das größte Vertrauen entgegen. Zugang zu diesen massenmedialen Angeboten finden Jugendliche immer weniger analog als vielmehr online über Mediatheken, YouTube, Webseiten, Apps und Podcasts, oder sie werden über soziale Medien auf sie aufmerksam.

Dennoch gelten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Inhalte und Nachrichten in sozialen Medien als wenig vertrauenswürdig, was auch mit einer Entkopplung der Verbindung einhergehen kann, dass Nachrichten mit journalistischen Quellen assoziiert werden.

Das Informationsparadox

Jugendliche befinden sich in einem Dilemma. Zu beob­achten ist ein Informationsparadox: Obwohl Jugendliche den sozialen Medien keine allzu große Glaubwürdigkeit attestieren und sich möglicher Falschmeldungen bewusst sind, nutzen sie die sozialen Medien als wichtigste Infor­mationsquelle für tagesaktuelle Themen.

In einer digitalisierten Öffentlichkeit haben sich die Menge und das Spektrum der verfügbaren Informationen deutlich vergrößert. Die Vielfalt kann für Jugendliche auch bedeuten, dass sie unbeabsichtigt mit Angeboten konfrontiert werden, die extremistischer Natur sind, ver­schwörungstheoretische Positionen vertreten oder Teil staatlicher Desinformationskampagnen sind. Es kommt zu einer Konkurrenz verschiedener Akteure, die auf die (politische) Meinungsbildung Jugendlicher einwirken und um ihre Aufmerksamkeit werben. Die Beurteilung einer Information hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes wird für Jugendliche dadurch komplizierter. Es kann zu Einordnungsschwierigkeiten kommen und die eigene Medienkompetenz überfordern.

Definitionen

Meinung

Nimmt eine Person auf Basis ihres Wissens Bewertungen über Objekte oder Personen vor, dann hat oder äußert sie eine Meinung. Je mehr gesicherte Informationen und damit Wissen wir haben, umso besser können wir eine fundierte Meinung bilden. Aber auch wenn wir etwas wissen, muss das nicht heißen, dass unsere Meinung damit im Einklang steht. Oft urteilen wir aufgrund von Annahmen, die emotional geprägt sind und auf früheren Eindrücken beruhen.

Es lassen sich drei Meinungstypen unterscheiden:

  • Begründete und auf Informationen beruhende Meinung abhängig vom eigenen Wertehintergrund.
  • Auf falschen Annahmen oder Irrtümern beruhende Meinung.
  • Unbegründete Meinung mit dem Ziel, andere zu diffamieren.

Informationskompetenz

Um einen Sachverhalt richtig einschätzen zu können, bedarf es Informationskompetenz. Dabei handelt es sich um die Fähigkeit, selbst­bestimmt Informationen/Nachrichten zu finden, zu erkennen, zu analysieren, Medien und Quellen einordnen sowie die Informationen auf ihre Relevanz und ihren Wahrheitsgehalt hin bewerten zu können. Ziel ist ein souveräner und selbstbestimmter Umgang mit Informationen als Grundlage zur Meinungsbildung und damit zur Handlungsfähigkeit in einer digitalisierten Gesellschaft.

Meinungsbildungskompetenz

Meinungsbildungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, Informationen in einen Kontext zu stellen und zu bewerten sowie damit verknüpfte gesellschaftliche und ethische Fragestellungen zu reflektieren. Ziel ist es, einen eigenen Standpunkt bzw. eine Haltung zur Gesellschaft und zur Welt zu entwickeln, die durch Wahrnehmen, Urteilen und Empfinden zustande kommt. Meinungsbildung wird dabei als ein Prozess verstanden, in dem die Beurteilung der erhaltenen Informationen und der damit verknüpften Sachverhalte immer wieder überprüft wird. Meinungsbildungskompetenz basiert auf der Informationskompetenz und erfordert zudem die Fähigkeit des Zuhörens sowie die diskursive Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer.